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Die Familie und ihre Zerstörer

Was schief läuft und was anders werden muss – Eine überfällige Debatte

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Exkurs zu Ehe und Familie im Wandel

Dieser Exkurs greift wesentliche Gedanken aus einem gleichnamigen Artikel von Sabine Beppler-Spahl[1] auf und stellt sie zur Diskussion.


Die Patchwork-Familie wird häufig als interessanter, flexibler und fantasievoller als die „normale“ dargestellt.

Dabei ist der Begriff Patchwork-Familie nur ein beschönigender Ausdruck dafür, dass wir uns zu einer Single-Gesellschaft entwickeln. Partner­beziehungen, die fürs Leben angelegt sind, werden immer seltener. Bindungsunfähigkeit breitet sich aus, wodurch Paarbeziehungen immer weniger belastbarer werden. Allerdings wird auch das Single-Dasein nicht als Problem gesehen, sondern eher als Chance für Freiheit und Selbstverwirklichung in der persönlichen Lebensgestaltung gesehen.

Der politische Mainstream, der die Single-Kultur als ein progressives Aufbegehren gegen soziale Zwänge feiert, übersieht jedoch, dass mit dem Verlust des autonomen Bereichs der Familie das Individuum dem totalen Zugriff des Staates ausgeliefert wird.

Die als Trend zu beobachtende Abkehr von festen Bindungen korreliert mit einer abnehmenden Bereitschaft der Menschen, sich überhaupt für etwas (nachhaltiges) einzusetzen. Wer sich heute noch engagiert und persönlich einsetzt (z. B. für politische Ideen, Ideale, die Wissenschaft), gilt häufig als töricht, irregeleitet oder sogar gefährlich. Übervorsichtigkeit, Risikomüdigkeit und Angst machen auch vor intimen Beziehungen nicht halt, und dies wirft Fragen über die Zukunft der Gesellschaft auf.[2]

Der engstirnige, kurzsichtige Selbst­verwirklichungs­drang einer durch Ober­flächlichkeit geprägten Spaß­gesell­schaft bleibt nicht ohne Folgen auf die Stellung von Ehe und Familie in der Gesellschaft. Die Ehe hat für immer mehr Menschen keinen anderen Sinn mehr als die Verwirklichung ihres Selbst. Das führt zu der problematischen Entwicklung, dass es nur noch temporäre Gewissheiten gibt, die als Trends zwar Kultstatus bekommen, aber eben nicht mehr zum Rückgrat des Lebens werden können.[3]

Das Aufziehen von Kindern oder der Erwerb von Wohneigentum sind langfristige Projekte, die in einem besonderen Maße verlässlichen Bindungen, hohen persönlichen Einsatz und ein tragfähiges Lebenskonzept voraussetzen. Mit einer auf Modetrends basierenden Single-Kultur ist weder eine langfristige Partner­beziehung noch ein Kinderwunsch gut zu vereinbaren.

Früher verliehen die Institutionen (Staat oder Kirche) einer Hochzeit ihre eigentliche Bedeutung. Bei den Hochzeits­feiern der Vergangenheit sollte die Liebe eines Paares eine rechtliche (und in vielen Fällen auch kirchliche) Bestätigung erhalten. Die sich weniger formell gebende Event-Hochzeit heute verwandelt diese Zeremonie in eine persönliche Geste, bei der die Individualität des Paares im Mittelpunkt steht und die gegenseitige Liebe vor allem vor Freunden und Verwandten erklärt wird.

Mit diesem Schwinden der größeren sozialen Bedeutung der Hochzeit wird jedoch auch das Konzept der Unantastbarkeit der Ehe untergraben. Das traditionelle Gebot der Heiligkeit der Ehe ging einher mit einer klaren Trennung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Der Staat legalisierte die Ehe, danach blieb es weitgehend den Eheleuten überlassen, wie sie ihren Haushalt und ihr privates Leben organisierten. Was hinter verschlossenen Türen geschah, ging niemanden etwas an.

Dieser Schutz der familiären Privatsphäre basiert auf zwei freiheitlichen Prinzipien: einerseits auf der grund­legenden Annahme, dass Erwachsene ihr Leben in aller Regel selbstständig meistern können, und andererseits, dass eine zu große Einmischung von außen die privaten Beziehungen stören und langfristig den Individuen innerhalb dieser Beziehungen großen Schaden zufügen kann.[2]

Diese Prinzipien werden immer weiter verwässert, da heute die Privatsphäre mit Argwohn betrachtet und hinter verschlossenen Familien­türen Unrecht und häusliche Gewalt vermutet wird.
Der Staat mischt sich zunehmend in die intimsten Bereiche unseres Lebens ein: von den Ernährungs­gewohnheiten bis hin zur Kinder­erziehung.

Die Gesellschaft ist also mit einem dramatisch sich wandelnden Verständnis konfrontiert über das, was wir als private und öffentliche Sphäre bezeichnen. In dem Maße, wie die Institution Ehe an Bedeutung verliert, nimmt der Staat an Einfluss auf die intimsten Lebensbereiche seiner Bürger zu.

Die Ausweitung des Wohl­fahrts­staates untergräbt die Eigen­initiative und das Verantwortungs­gefühl. Seit jeder Einzelne in der Gesellschaft Gegenstand permanenter öffentlicher Sorge geworden ist, dringt der Staat immer tiefer in die Privatsphäre vor. Dieser Staat ist kein offen diktatorischer, sondern ein therapeutischer. Er traut der Familie nichts zu und drängt daher seine Hilfe auf – in Form von immer mehr Beratungs­stellen, subventionierten Erziehungshilfen aller Art, Kampagnen gegen häusliche Gewalt und einer stetig steigenden Zahl von Sozial­arbeitern.[3]

Der Auflösungs­prozess der Familie bedeutet einen herben gesell­schaft­lichen Verlust. Mit der Auflösung der Privatsphäre geht ein Verlust an Freiheit einher und das Schwinden der festen Bindungen schwächt den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft.

(zurück zu Kapitel 1.5.)


[1] Ehe und Familie im Wandel, Sabine Beppler-Spahl über zwei Autoren, die der Single-Gesellschaft wenig abgewinnen können., Novo-Magazin 84, Sept./Okt. 2006
[2] a b Jennie Bristow: Schriftensammlung „Maybe I do: Marriage and Commitment in Singleton Society“
[3] a b Norbert Bolz: „Die Helden der Familie“, Wilhelm Fink 2006, ISBN 3-7705-4330-0