Informationsstelle
für verheiratete
Männer und Frauen

Die Familie und ihre Zerstörer

Was schief läuft und was anders werden muss – Eine überfällige Debatte

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3.4.5.1. Die Vaterlüge

Die Vaterlüge besteht darin, zu sagen „Das Kind braucht seinen Vater nicht“ oder „Die Mutter ist für das Kind genug“.


Im Dezember 1997 brachte das Hochglanzmagazin Familie & Co einen Artikel über Allein­erziehende. Dort, wo man Werbung für das eigene Titelprogramm vermuten würde, nämlich für die Familie, war Erstaunliches zu lesen. «Mutter und Kind(er) eine Familie? Und was ist mit dem Vater? Fehlt da nicht etwas? Wir meinen: nein!»

Kein Druckfehler. Das steht da so. Weiter: «Kinder ohne Väter werden selbständig, selbstbewußt und lebenstüchtig – sofern sie in einem liebevollen Umfeld mit einer Mutter aufwachsen, die ihre Situation als positive Herausforderung betrachtet.»

Mit Recht wundert sich da der Laie. Das ist, als läse man im ADAC-Magazin – «Braucht man für ein Auto die linken und die rechten Reifen? Wir meinen: nein! Die linken genügen. Hauptsache ist, daß die Situation als positive Herausforderung empfunden wird.»

Der Laie wundert sich noch mehr, weil ihm im übrigen die Ohren brummen vom Wehgeschrei der Frauen­bewegung über böse Väter, die sich um ihre Kinder nicht kümmern wollen und die ihren Beruf ernster nehmen als die Familie. Nun stellen wir fest: Wir brauchen sie gar nicht? Alles Geschrei für die Katz? Schnee von gestern? Ab sofort keinen Traualtar, keine Familien­gründung mehr – der Gang zur Samenbank genügt?

Sicher, man muß mildernde Umstände gelten lassen. Ein Blatt, das «Familie» im Titel führt, hat es schwer in Zeiten, in denen die Familien zerbrechen. Es muß sich umstellen auf eine neue Klientel. Rund die Hälfte aller erwachsenen Deutschen leben mittlerweile in Single-Haushalten, und Ehen zerfallen nach durchschnittlich fünf Jahren. Familien sind rar geworden, wer den immer rarer. Es sind Verluste zu beklagen. Aber müßte man nicht eher die Verluste berechnen, statt die Bilanz in die Gewinnzone hochzurechnen?

Wiederum sind die Käufer derartiger Magazine in erster Linie Frauen, häufig geschiedene Frauen. Und unter denen sind viele, die sich enttäuscht oder feministisch-kämpferisch von ihren Partnern getrennt haben und nun versuchen, ihn auch von den Kindern fernzuhalten, weil sie ihn als Störenfried empfinden.

Vielleicht erfordert es tatsächlich Mut in diesen Zeiten, mit der Feststellung aufzuwarten, daß Partner­probleme die eine Sache sind, aber eine ganz andere die Elternschaft. Vielleicht ist es tatsächlich ein Risiko, auch der eigenen Kundschaft ein paar unangenehme Wahrheiten zu sagen. Etwa, daß es dem Wohl des Kindes abträglich ist, wenn es am kontinuierlichen Umgang mit dem ausgemusterten Vater gehindert wird.

Diesen Mut bringt Familie & Co nicht auf. Es ist sicherer, den Mangel als Ideal zu verkaufen und den Kundendienst so weit zu treiben, daß man familiäre Bruchstücke zum heilen Ganzen erklärt und die, Ausgrenzung von Vätern beschönigt.

Dabei geht man nicht ohne suggestives Geschick vor. Illustriert wird die Geschichte mit Fotos. Vier davon zeigen einen Vater mit seinem Kind. Auf zweien davon schimpft oder droht er. Sechs Fotos zeigen intakte Familien mit Vater, Mutter, Kind. Doch demgegenüber stehen 25 Fotos, die Mütter mit ihren Kindern zeigen.

Die Botschaft: Kinder brauchen keine Väter. Sie sind glücklicher ohne sie. Natürlich ist das Stuß, und es ist gefährlicher Stuß, wenn so etwas in einer Familien­zeit­schrift zu Protokoll gegeben wird, selbst wenn eine Diplom­psychologin zitiert werden kann. Für jeden Unsinn findet sich heutzutage ein Diplom­psychologe. Man könnte sicher auch welche auftreiben, die Ohren­wackeln oder Nasebohren als Krisen­bewältigung empfehlen.

Doch daß dieser Krampf von einer Sprecherin des Diakonischen Werkes wiederholt und ergänzt wird, macht das Ausmaß der gesell­schaft­lichen Katastrophe deutlich. Susanne Gröne nämlich meint: «Kinder von Allein­erziehenden sind oft selbständiger und damit lebens­tüchtiger als Kinder aus so genannten intakten Familien.»

Daß solche «Expertinnen» im Familienbereich tätig sein, ja, im sensibelsten seelischen und emotionalen Bereich einer Gesellschaft wirken und analysieren dürfen, läßt die Approbations­pflicht für Sozial­therapeuten zur Notwendigkeit werden.

Denn eines ist klar und in unzähligen empirischen Untersuchungen belegt und jedem, der noch alle Sinne beisammen hat, unmittelbar einleuchtend: Kinder brauchen ihren Vater. Sie brauchen ein Nest. Sie brauchen die Mutter, und sie brauchen den Vater.

Was sämtliche seriösen Statistiken belegen, hier noch einmal im Klartext: Kinder ohne Väter sind unselbständiger, ohne Selbst­bewußtsein, lebens­un­tüchtiger und irgendwann selbst für die Diakonie, zumindest für deren Vereinskasse, eine reale Gefahr.

Zunächst brauchen sie die Familie als Gesamtheit. Bereits 1995 hat Anneke Napp-Peters in einer Lang­zeit­studie festgestellt, daß Kinder oft ein Leben lang unter den Folgen einer Scheidung leiden, wenn ein Elternteil ausgegrenzt wird. Noch Jahre später haben «75 Prozent große Probleme, den Alltag zu bewältigen und längerfristige Perspektiven für ihr Leben zu entwickeln. Knapp die Hälfte hat Probleme mit Alkohol und Drogen, einige haben wegen Beschaffungs­kriminalität bereits vor dem Richter gestanden.»

In fast 90 Prozent der untersuchten Fälle wurde die Scheidung von der Frau eingereicht, denn «gerade für Frauen hat das Zusammenleben in der Institution Ehe als einer lebens­langen Bindung erheblich an Bedeutung verloren». Beziehungsflucht – nicht Notwehr gegen ein Riesenheer plötzlich gewalttätig gewordener Ehemänner, wie die Frauen­bürokratie behauptet, sondern eine lässige Lifestyle-Option, die ohne Rücksicht auf Kinder wahrgenommen wird.

Die Gewissensbisse, die sich vielleicht einstellen könnten, wenn der jüngste mal wieder beim Klauen erwischt wird, lassen sich ja durchaus besänftigen – mit Artikeln in Familie & Co, wo über die selbständigen, vaterlosen Kinder geschwafelt wird.

So können sich die trennungs­enthusiastischen Allein­erziehenden zurücklehnen. Sie haben alles richtig gemacht. Familie ist bedeutungslos und die Ausgrenzung der Väter eine «positive Herausforderung». Ihre Kinder sind robust, und sie lernen, sich in feindlichen Environments durchzuschlagen. Sie müssen es oft auch – 80 Prozent aller Heimkinder sind Scheidungs­kinder.

Offenbar hat der hedonistische Zeitehen- und Trennungs­zirkus so gründlich gewirkt, daß die Londoner Daily Mail vom 22. April 1996 eigentlich eine Selbst­ver­ständ­lich­keit zur Schlagzeile erhob: «Nun ist es bestätigt – Scheidung beschädigt Kinder».

Die Zeile war Teil einer publizistischen Kampagne gegen die Family Law Bill, mit der das Aus­einander­gehen verheirateter, Paare erleichtert werden sollte. Das Massenblatt veröffentlichte die Untersuchungen der Joseph Towntree Foundation, die normalerweise eher dem linken Lager zugerechnet wird.

Die Ergebnisse dieser Lang­zeit­studie mit Teenagern sprachen eine deutliche Sprache. Die Fünfzehn­jährigen aus zerbrochenen Ehen wurden doppelt so häufig drogen­süchtig wie jene Alters­genossen, die mit beiden Eltern aufwuchsen, Kindern eben aus «so genannten intakten Familien», von denen die oben zitierte Dame des Diakonischen Werkes so gering­schätzig sprach.

Mit achtzehn, so die Studie, waren die untersuchten Teenager aus zerbrochenen Familien dreimal häufiger arbeitslos. Zu diesem Zeitpunkt war knapp die Hälfte der Teenager aus heilen Familien in einer höheren Ausbildung. Bei den Kindern Allein­erziehender betrug der Anteil nicht einmal ein Fünftel.

In Amerika, wo die Scheidungs­raten noch dramatischer und die Ausgrenzungen getrennt lebender Väter noch rigoroser sind, hat man das Problem längst als eine der wichtigsten gesell­schaft­lichen Zukunftsfragen erkannt. «Warum Väter wichtig sind» titelte Time-Magazin bereits im April 1995. Und präsentierte ein Zahlenwerk, das klarmachte, warum die Clinton-Regierung das Problem der vaterlosen Gesellschaft zu einer Toppriorität erklärte.

Vaterlos aufwachsende Kinder sind um ein Vielfaches eher dazu bestimmt, zu verarmen, drogen­süchtig zu werden, in Gefängnissen zu landen, Vergewaltigungen und andere Gewalt­delikte zu begehen. «Daddy ist wichtig», meinte US News & World, und Al Gore, Vizepräsident der Vereinigten Staaten, stellte fest: «Kinder wollen, daß ihr Vater mit ihnen zu Hause ist.»

Selbst die feministischen Mißbrauchs­spezialistinnen, die Frauen helfen, mit Hilfe getürkter Vorwürfe ihre Männer aus der Sorge- und Erziehungs­verantwortung hinauszubugsieren, und die in jedem Kind, um das sich ein Vater kümmern möchte, ein potentielles Mißbrauchsopfer männlicher Gewalt sehen, sollten besser aufhorchen wenn sie ihr Wächteramt ernst nehmen. Die Heritage Foundation in Washington hat kürzlich heraus­gefunden, «daß ein Kind am sichersten (vor Mißbrauch) ist, wenn es mit den biologischen Eltern zusammenlebt, und am wenigsten sicher, wenn eine allein­erziehende Mutter mit einem anderen als ihrem Ehemann zusammenlebt». (Mehr dazu im Kapitel «Die Mißbrauchslüge».)

Die Empfehlung des Instituts: «Den Trend zur Zertrümmerung von Familien umkehren.» Doch auch die Direktorin des «National Centre for Children in Poverty», Jane Knitzer, kommentierte den ansteigenden Trend vaterloser Familien eindeutig als «eine ernsthafte Gefährdung unserer Kinder und unserer Zukunft».

Väter sind in vielerlei Hinsicht wichtig. Eine Studie der Columbia Universität fand heraus, daß sie bei manchen Indikatoren sogar besser abschneiden als Mütter: Die Kinder allein­erziehender Väter geraten nur halb so oft unter die Armutsgrenze als die von allein­erziehenden Müttern.

Zu noch deutlicheren Ergebnissen kommt die Studie des Sozialen Forschungs­instituts, die auf der Minister­rats­konferenz in Stockholm 1995 vorgestellt wurde. Zitat: «Bewältigt der Vater alles genauso gut wie die Mutter? Einige Unter­suchungen zeigen, daß es Väter besser bewältigen.»

Mittlerweile hat der väterliche Imagewandel nach Auskunft von Wade Horn, dem Präsidenten der «National Fatherhood Initiative», «die amerikanische Landschaft verändert». Da gibt es die merkwürdige Massen­bewegung christlicher Männer, die «Promise Keepers», die zu Hundert­tausenden nach Washington gepilgert sind, um öffentliche Schwüre für Familie und Treue abzulegen. Da sind aber auch unzählige lokale Väter­initiativen, die die Rufe nach Verantwortung und Stärkung der «family values» aufgenommen haben.

Selbstkritisch erkannte die amerikanische Regierung, daß in den vergangenen Jahrzehnten über die Förderung von Frauen die der Männer, besonders der Väter, vernachlässig wurde. Im August 1997 ernannte Präsident Clinton einen Sonder­beauftragten für Männer­initiativen, der ihm direkt unterstellt ist.

Während also in den Vereinigten Staaten eine Menge getan wird, Väter aus dem Abseits sozialer Ächtung und Entrechtung heraus­zu­holen, hat sich in Deutschland kaum etwas bewegt. Ausgerechnet die CDU, die als Regierungs­partei die «geistig-moralische Wende» versprach, hat tatenlos zugesehen, wie Deutschland – unter dem Frost einer eisigen, feministischen Bürokratie – zur vaterlosen Gesellschaft erstarrt ist.

Frauenverbände, die Müttern helfen, den Weg aus der Ehe zu finden, und Allein­erziehenden mit Rat und Tat zur Seite stehen, haben keine Schwierigkeiten, staatliche Förderungs­gelder einzuheimsen. Doch das Bundes­ministerium für «Familie, Senioren, Frauen und Jugend» fördert keinen einzigen Familienrechts-Verband. Eine entsprechende Anfrage wurde mit dem dürren Hinweis auf das Justizministerium abgetan: «Möglicherweis können Sie dort entsprechende Auskünfte erhalten.» Familie – auch für die CDU-Regierung ein Auslaufmodell.

Dabei sind die Schreckens­befunde über Kinder zerrütteter Familien auch hier längst bekannt. Das Nachrichten­magazin Focus hatte bereits im Januar 1995 in einer brillant geschriebenen und genau recherchierten Geschichte über das Los der rund zwei Millionen vaterlosen Scheidungs­kinder berichtet.

«Nachdem es schick geworden ist, Väter als Machos und Macht­menschen, als unsensible, arbeitswütige, haushalts­scheue und mithin entbehrliche Figuren aus dem Kinder­zimmer weg­zu­rationalisieren, werden sie plötzlich von der Forschung als VIPs erkannt, als besonders wichtige Leute.»

Die Autorin Christine Brinck nennt die Schreckens­zahlen, und sie ergänzt sie durch spezifisch deutsche Beobachtungen. Die vaterlos heran­wachsende, gewalt­tätige Jugend strömt auch dem rechts­radikalen Lager zu – von den vier Lübecker Synagogen-Brand­stiftern etwa waren, wie gesagt, alle vier ohne Vater aufgewachsen. Die «Vaterlosen» sind inzwischen, so eine Psycho­therapeuten-Tagung in Lindau, als «Problem- und Risiko­gruppe» definiert.

Väter sind wichtig, selbst diejenigen, die zeit­verschlingende Berufe ausüben und daher oft abwesend sind. «Was läßt Kinder­herzen schneller schlagen, wenn der Vater nach Hause kommt – egal wie minderwertig ihn die Mutter findet?» fragt die Focus-Autorin. «Väter sind anders. Sie lieben anders, sie gehen anders mit ihren Kindern um, nicht nur bei gefährlichen Spielen auf dem Rasen, die Mütter nie riskieren würden. Sie muten schon den Babys anderen Umgang zu, wie ein Verhaltens­experiment in Amerika festgestellt hat: Väter lassen ihre Kleinst­sprößlinge beim Ablegen aus größerer Höhe – zwei, drei Zentimeter mehr – in die Wiege fallen als die Mütter.»

Fazit: «Der Vater mit Zeit ist natürlich besser als der ohne, aber überhaupt einen zu haben ist für das Kind das wichtigste.»

Die Reaktion auf den Focus-Artikel war überwältigend: Die Redakteurin hatte ein gesell­schaft­liches Tabuthema angesprochen, und sie diagnostizierte richtig, daß es hier im Grunde weniger um neue Erkenntnisse zu Familie und Kindschaft ging, sondern um ideologische Positionen: «In vielen Fällen löste das Thema einen regelrechten Geschlechterkrieg aus. 90 Prozent der männlichen Leser schildern Horrorstorys („Seit acht Jahren läßt sie sich alle denkbaren Schikanen einfallen, damit ich das Kind nicht sehen kann.“) Umgekehrt beschreiben fast ausnahmslos alle Frauen – knapp 95 Prozent – den einstigen Geliebten als Monster.»

Die Vaterlosigkeit der Kinder wird oft in Kauf genommen, um sich am Ehemann oder Partner zu rächen. Denn selbst Frauen, die den abwesenden Vater beklagen, um ihn nach Trennungen ganz auszugrenzen, wissen eines: Kinder brauchen nicht nur den Vater – auch die Väter brauchen ihre Kinder. Und sie leiden bis zur Verzweiflung unter ihrer Ausgrenzung nach einer Trennung.

Die Freiburger Familienforscherin und Mediatorin Dr. Ursula O.-Kodjoe hat in ihrer Arbeit mit Trennungs­vätern ermittelt, daß in 96 Prozent der von ihr untersuchten Fälle die Männer mit zum Teil schweren seelischen und psycho­somatischen Erkrankungen auf die Situation reagieren. Das widerspricht natürlich dem Klischee des gleichgültigen Vaters, der sich nach der Scheidung aus dem Staube macht. Weshalb Kodjoes Erkenntnisse in den meisten populären Veröffentlichungen ignoriert werden.

Ganz besonders leiden Väter, wenn sie spüren, wie ihre Kinder gegen sie aufgebracht werden und irgendwann regelrecht beginnen, den Vater zu hassen. Gemeinsam mit Rechts­anwalt Dr. Peter Koeppel, einem der herausragenden deutschen Kind­schafts­recht-Spezialisten, legte Kodjoe zu Beginn des Jahres eine Schrift über das «Parental Alienation Syndrome» (PAS) vor.

Das Syndrom bezeichnet die Hinwendung des Kindes zum «guten» Elternteil und die kompromißlose Ablehnung des «bösen» Elternteils; denn oft werden Kinder vom allein­erziehenden Elternteil gegen den ausgegrenzten Elternteil beeinflußt und aufgehetzt, in den meisten Fällen also von der allein­erziehenden Mutter gegen den Vater.

Die traumatischen Loyalitäts­konflikte, in die das Kind durch derartige Gehirnwäsche gestürzt wird, rufen schwere seelische Schäden hervor. ja, das Kind wird zum «Schauplatz», auf dem sich Besitz­ansprüche, Wut, Habgier, sogar Paranoia und Destruktion des allein­erziehenden Elternteils austoben.

Die Gesetzgeber in den Vereinigten Staaten haben die Ergebnisse dieser Forschung bereits in die Praxis übernommen. Die Kindes­anhörung vor Gericht etwa muß schnellstmöglich nach der Trennung der Eltern erfolgen, um die Möglichkeit zur Manipulation zu reduzieren. Die Richter müssen nachweisen, daß sie Aussagen im Licht der PAS-Forschung bewerten können.

In Kalifornien und Utah, wo die gemeinsame elterliche Sorge der Normalfall ist, erhält bei Konflikten nur der Elternteil die alleinige Sorge, der den freien und häufigen Umgang mit dem anderen Elternteil am ehesten garantiert und dadurch PAS vermeidet.

Dr. Kodjoe will die Ergebnisse ihrer eigenen Arbeit nicht als Polemik gegen die allein­erziehenden Mütter verstanden wissen. Sie richtet sich mit ihren Bedenken eher an ein Justiz- und Beratersystem, das dem PAS Vorschub leistet, statt es zu bekämpfen. Jedes Urteil, das die Ausgrenzung eines fürsorglichen Vaters zementiert, ist ein Verbrechen am Vater – und am Kind.

Wie kaputt muß ein ideologisches System sein, das solche Erkenntnisse ignoriert, das Statistiken verbiegt und den gesunden Menschenverstand travestiert, nur um Munition im Scheidungs­kampf zu gewinnen? Wie zynisch eine feministische Argumentation, der das Glück des Kindes gleichgültig ist, nur um Mann und Familie zu bekämpfen und die sich am Ziel glaubt, wenn das Trennungskind schließlich sagen lernt: «Ich hasse Papa.»

Eine Trennung behebt schließlich den Partnerkonflikt nicht. Sie eskaliert ihn, bisweilen zu einer erbarmungs­losen Vernichtungs­schlacht, in der ohne Rücksicht auf die Kinder gekämpft wird. Daß das Credo der letzten Jahrzehnte – schnelle Trennung als Heilmittel – Betrug an Kindern ist, hat sich bei Forschern längst herum­gesprochen.

In einer Lang­zeit­studie hat die amerikanische Scheidungs­forscherin Judith Wallerstein herausgefunden, daß es sich lohnt, stattdessen für die Erhaltung einer Ehe zu kämpfen. Und daß selbst schlechte Ehen für den Nachwuchs besser sind als die schnelle Scheidung.

Paradoxerweise wissen das auch Paare, die sich trennen. Sie entwickeln Schuldgefühle. Um diese zu besänftige stilisieren sie nachträglich ihre Beziehung zum wahren Inferno. Gerade die Übertreibungen, die man vor Gericht hört, sind der Beweis, daß es diese Skrupel noch gibt. Man versucht sie nur zu übertönen.

Deshalb wird heutzutage jede Trennung zur dramatischen Befreiungstat, sogar zur Notwehr hochgelogen. In vielen Scheidungs­verfahren geht es plötzlich um eheliche (männliche) Gewalt, um eine nicht länger hinzunehmende Marter.

Eine andere Strategie zur Bewältigung dieser Schuldgefühle bei einer Trennung wurde bereits eingangs erwähnt: mit einem immensen Aufwand an stützenden Theorien zu erklären, daß eine Scheidung für Kinder nicht schlimm, eigentlich die bessere Lösung sei. Schließlich würden sie auf diese Art selbständiger.

Trauriges Gestammel. Aus dem Beziehungs­gefummel der Spät­acht­und­sechziger hat sich eine Kultur sanktionierter Polygamie entwickelt, die nach dem Muster «Zusammenleben – Heirat – Scheidung – Zusammenleben – Wiederheirat» verläuft. Und heute sitzen sie traurig und grimmig mit dem dritten Ehepartner über ihrem Bier, während der Junge draußen Automaten knackt, blicken über die Fernseh­illustrierte hinweg aneinander vorbei und murmeln «Schon das neue Buch von XY über das Glück von patchwork-families gelesen? Saugeil irgendwie!»

Während bei uns Therapeutinnen trennungs­willige Frauen zu ihrer neuen «Individualisierung», ihrem neuen «Lebensmut» beglückwünschen, ist man in den USA ehrlicher. Und weiter.

Dort gibt es eine ganze Palette von familiären und ehelichen Durchhalte-Ermunterungen. Etwa das «Ehe­erhaltungs­projekt» der Scheidungsanwältin Lynne Gold-Bikin, die es satt hatte, mit anzusehen, «daß die Leute nicht bedenken, was sie da tun».

Sie tourt durch die Schulen und bringt den Kids bei, was diese zu Hause längst nicht mehr lernen können: wie man Beziehungen aufrechterhält. In Rollenspielen und Unter­richts­stunden über die Konsequenzen mörderischer Scheidungs­schlachten erleben die Heran­wachsenden hautnah, daß es sich lohnen könnte, nicht bei dem ersten Streit ausein­ander­zulaufen.

Mittlerweile interessieren sich lokale Verwaltungen und Betriebe für Gold-Bikins Trainings­programme. Denn längst haben auch Volkswirtschaftler die immensen finanziellen Folgekosten der Scheidungswut errechnet. Die Stadtwerke von Los Angeles, so der Focus-Report, haben bereits reagiert: Es gibt umfangreiche Väterprogramme, von kostenlosen Beepern für werdende Väter auf Montage bis zum Vater­schafts­urlaub.

Bereits in den dreißiger Jahren wurden in Kalifornien «conciliation services» eingeführt, die den Scheidungs­gerichten angeschlossen waren. Damals war der Gedanke der Eheberatung vorherrschend. Als statt des Versöhnungs­gedankens die Scheidungs­regelung und die Frage des Sorgerechts allgemein dominierten, wurde hier Mediation praktiziert – eine gütliche, außergerichtliche Trennungs­regelung durch unabhängige Dritte.

Seit 1973 wurde es zur Pflicht, so genannte «conciliation courts» zu besuchen, die durchschnittlich 85 Prozent strittiger Sorge­rechts­fälle regeln – zugunsten der Kinder, mit verbrieften Umgangs­rechten für den getrennt lebenden Elternteil, meist eben die Väter.

Mittlerweile machen Familien­gerichte darüber hinaus therapeutische «Grill-Stunden» zur Pflicht für Trennungs­willige. Sie müssen sich die Schreckens­stories derjenigen anhören, die eine Scheidung hinter sich haben: Erzählungen von nervlichen Zerrüttungen und wirtschaftlichen Katastrophen, von Kindern, die verhaltens­auf­fällig werden, und Erwachsenen, die selten in glückliche neue Bindungen finden.

Solche Sitzungen dauern sechs bis acht Monate und führen auch bei denjenigen, deren Ehesituation hoffnungslos verfahren ist, zumindest zu «sanften Scheidungen» – Trennungen ohne Kriegsgeheul und Rachsucht, vernünftige Lösungs­prozesse und Verständigung vor allem über die fortbestehende gemeinsame Verantwortung für den Nachwuchs. In manchen Fällen ist es der Vermittler selber, der den Vertrag Über Sorgerecht und Unterhaltshöhe aufsetzt.

Selbst um die Väter, die sich vor ihrer Verantwortung drücken und freiwillig aus dem Leben von Frau und Kind verschwinden, kümmert man sich anders. Das «Institut für verantwortliche Vaterschaft und Familie» in Cleveland bemüht sich seit fast zwei Jahrzehnten um pflicht­vergessene Väter.

Bei uns beschränkt man sich jedoch darauf, säumige Zahlväter mit Detektiven und Polizei­beamten zu jagen – dort gibt es therapeutische Interventionen, die die Dramen von Vätern, die sich absetzten, ernst nehmen. Mit Erfolg: Rund 2000 von ihnen wurden wieder mit ihren Kindern zusammen­gebracht.

Väter sind anders, als es das bequeme Klischee will, wie auch das Deutsche Jugendinstitut heraus­gefunden hat. Knapp 40 Prozent der befragten Männer, die oft vom beruflichen Existenz­kampf absorbiert sind, gaben sich familienorientiert. Autor Jürgen Sass: «Sie haben die Familie als wichtigsten Bezugspunkt angegeben.»

Der wissen­schaftliche Referent des Jugendinstituts, Dr. Carsten Rummel, will jetzt eine Initiative für Schulen gründen, die, ähnlich wie in Kalifornien, schon Teenagern beibringen soll, daß sich das Durchhalten bei Beziehungs­krisen lohnt.

Daß Kinder an ihren Vätern, Väter aber auch an ihren Kindern hängen, ist eine Erkenntnis, die nach den Rasereien der letzten Jahrzehnte besonders auch in den Institutionen der Scheidungsgesell­schaft, den Gerichten und Behörden, neu etabliert werden muß.

Sie müssen neu sensibilisiert werden für die Erkenntnis, daß nicht wenige Frauen Väter deshalb ausgrenzen, weil sie wissen, daß diese ihre Kinder lieben und Kontakt­verbote die Väter krank machen. Sie wissen: Ihre männlichen Gegner sind verwundbar. Sie treffen ihren empfindlichsten Punkt.

Welche Vernichtung ist totaler, als einen liebenden Vater zu entfernen und ihn zu zwingen, Gutachten über seine Vaterliebe einzufordern – die ihm dann letztlich doch nicht helfen? Welche Kapitulation schließlich ist gründlicher als jene, nach Jahren zermürbenden Kampfes gegen eine Mutter, die den Umgang boykottiert, aufgeben zu müssen. Viele Anwälte raten von vornherein dazu, gar nicht erst zu kämpfen. Väter verlieren vor Gericht fast immer. Doch selbst wenn sie dort gewinnen sollten, sorgen ein schleppender Vollzug und eine weibliche Jugend-Bürokratie dafür, daß sie doch verlieren.

Doch selbst die Väter, die sich schließlich das Recht erfochten haben, ihre Kinder jedes zweite Wochenende zu sehen, sind nur noch bessere «Onkel». Sie sind, so Judith Wallerstein, «Elternteile ohne Portefeuille».

Rechts­anwalt Koeppel empfiehlt daher den Vätern, nach einer Trennung für eine längere Zeitspanne – ein halbes oder ein ganzes Jahr – die Alleinversorgung des Kindes zu übernehmen. «Das wäre erstens fürs Kind sehr gut, weil es so den Vater besser kennenlernt. Zweitens kann der Vater sein emotionales Bedürfnis befriedigen, sein Kind aus der Nähe zu erleben. Drittens ist es für die Mutter eine große Entlastung. Sie kann zum Beispiel Weiterbildung machen.»

Es wäre vernünftig. Aber was zählt Vernunft schon in den Territories? Dort ist das Kind eine Geisel im Kampf gegen den Mann, und der ist brauchbar nur als Zahlvater.

Die Territories machen bereits mobil gegen das neue Kind­schafts­recht, das nun die gemeinsame Sorge ohne Sonderantrag ermöglicht. Sie empfehlen ihren Klientinnen die einseitige Kündigung dieser Regel. Und sie tun es so massiv, daß selbst die eher frauenbewegte Autorin des neuen Kind­schafts­rechts, Margot von Renesse, in einem Brief an einen Vater genervt ihre Kapitulation eingestehen mußte.

Das neue Kind­schafts­recht sieht zwar das gemeinsame Sorgerecht vor – doch dieses ist jederzeit durch eine streitbare, uneinsichtige Mutter kündbar. Einem dagegen protestierenden, getrennt lebenden Vater schrieb die ehemalige Familien­richterin, immerhin Mitglied der rechts- und innenpolitischen Kommission der SPD: «Etwas anderes ist derzeit politisch nicht durchsetzbar.»

In einem einsichtigen Interview mit der FAZ verteidigt sie die gemeinsame elterliche Sorge als evident vernünftig und richtig. «Eltern können sich in ihrer Eigenschaft als Eltern nicht scheiden lassen.» Kinder brauchen beide, «und sie sollen die Verbindung zu beiden Eltern behalten, da sie von beiden abstammen und die korrigierenden Erfahrungen bei dem jeweils anderen Elternteil brauchen».

Als Familien­richterin weiß sie, wie niederschmetternd ein Umgangs­boykott auf den ferngehaltenen Vater, das ferngehaltene Kind wirkt. Sie weiß auch, daß die «praktisch begründungslose Kündigung der Elternstellung durch den allein­erziehenden Elternteil verfassungswidrig» ist. Sie weiß, daß nahezu bei jedem Umgangs­boykott Recht gebrochen wird. Dennoch gesteht sie, daß Sanktionen gegen solche Frauen und ein verbrieftes, unerschütterliches Recht für Väter «nicht durchsetzbar» sind.

Sie weiß, daß der fortgesetzte Zynismus der Gerichte die Väter zu immer verzweifelteren Kämpfern macht. Für sie ein Prozeß der «Brutalisierung». Sie kennt die Verhöhnungs­spirale, in der ein Vater, der um sein Kind kämpft, als «feindselig» angesehen wird – gerade weil er um sein Kind kämpft. Und daß die Gerichte zum «Kindeswohl» gegen Väter entscheiden, obwohl genau dieses Kindeswohl durch einen störungsfreien, gesetzlich gesicherten Umgang mit dem Vater erheblich gefördert würde.

Nicht nur sie weiß es. Alle wissen es: die Gesetzgeber, die Behörden­vertreter, die Jugendamts­angestellten. Doch keiner handelt, weil sich niemand anlegen möchte mit einem Gegner, der sich fest etabliert hat. Die Territories sind mächtig.

Ohne diese Macht zu brechen, wird die Gesellschaft auf einen Abgrund zutreiben. Kinder, als Geiseln im Geschlechterkampf mißbraucht, werden auf Dauer seelisch verkrüppelt. Noch einmal die amerikanischen Ergebnisse, zum Auswendiglernen für alle Diplom­psychologinnen und Diakonie-Mitarbeiterinnen, für die man sich oft nützlichere Arbeitsgebiete vorstellen kann als den Familienbereich. Vielleicht Ackerarbeit. Auf dem Mond. Also, noch einmal: Kinder, die ohne Väter aufwachsen, sind

  • 5mal mehr gefährdet, Selbstmord zu begehen
  • 32mal mehr gefährdet, von zu Hause wegzulaufen
  • 14mal mehr gefährdet, Vergewaltigung zu begehen
  • 9mal mehr gefährdet, frühzeitig aus der Schule auszusteigen
  • 10mal mehr gefährdet, Drogen zu nehmen
  • 9mal mehr gefährdet, in einer Erziehungs­anstalt zu landen
  • 20mal mehr gefährdet, sich im Gefängnis wiederzufinden
  • 33mal mehr gefährdet, ernstlich körperlich mißhandelt zu werden
  • 73mal mehr gefährdet, Opfer tödlichen Mißbrauchs zu sein.

Alles klar?[1]



[1] Matthias Matussek, „Die vaterlose Gesellschaft“, ISBN 3-86150-108-2, S. 111-125