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Die Familie und ihre Zerstörer

Was schief läuft und was anders werden muss – Eine überfällige Debatte

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3.4.1.1. Die Katholiken


zurückPolitikwissenschaftler Joachim Wiesner

Joachim Wiesner beschrieb 1985 die Katholische Kirche so:

Auch die Katholische Kirche (in ihrem amts­kirch­lichen Teil der Bischöfe und deren ständiger Konferenz sowie in ihrem laien­christ­lichen Teil des Zentral­komitees der Deutschen Katholiken) haben dieses rechts­normative Problemfeld noch nicht genügend herausgestellt, geschweige denn aus der jetzigen Situation eigene rechts­politische Konse­quenzen gezogen. Zwar wird in bischöflichen Ver­laut­barungen die „geistige Umwelt­ver­schmutzung“ unserer Zeit gegeißelt und macht sich das Zentralkomitee Sorgen hinsichtlich der Geschiedenen-Pastoral, der Frage der Seelsorge bei Wieder­verheiratung und der Nöte der allein­erziehenden Elternteile. Aber eine rechts­ordnungs­grund­sätz­liche, ordnungs­politische und daraus rechts­politische Konsequenz ziehende Sachanalyse und sachgerechte Bewussts­eins­bildung im deutschen Katholizismus, die der gesamt­gesell­schaft­lichen Dimension des Problems gerecht würde, ist nicht erkennbar. In einer Öffentlichkeit, in der die Medien, die politische und sogar die wissen­schaftliche Diskussion von den Familien­gegnern beherrscht werden, kann es nicht genügen, wenn das Zentral­komitee mit einem sechs Zeilen langen Absatz an frühere Stellung­nahmen erinnert, um dann in weiteren acht Zeilen die Neuregelung des Regierungs­entwurfs hinsichtlich der (in der hier vorgelegten Studie in ihrer Rechtswirkung skeptisch diskutieren) Unter­halts­ansprüche bei ehelichem Fehlverhalten zu begrüßen.

Was im deutschen Katholizismus Not tut, wäre eine prinzipien­orientierte Offensive gegen dieses staatlich oktroyierte System, das mit rechtlichen Mitteln Unmoral, Ver­antwortungs­losig­keit und systematische Ehe- und Familien­zerstörung institutionalisiert, verhaltens­mäßig stimuliert und ökonomisch privilegiert.

Solche Vorgänge sowie das Schweigen der Deutschen Bischofs­konferenz, insbesondere aber deren Nichtpräsenz in den Medien, in denen vielmehr eine ungezählt vielfache Verfälschungs­tendenz der wirklichen (= empirisch wahren) Sachverhalte feststellbar ist, verdeutlichen, auf welchem einsamen – wohl eher: verlorenen – Posten selbst im katholischen Raum diejenigen stehen, die die Wirkungs­systematik der Eherechts­reform von 1976 durchschaut haben und sie aus fundamental-ethischen, verfassungs- und rechts­grund­sätzlichen sowie ordnungs­politischen Gründen anprangern.[1]

Die Kirchen haben sich aus dem Thema Familie und Gesellschaft auch vornehm zurückgezogen. Die letzten großen Schlachten wurden auch eher auf Neben­kriegs­schau­plätzen wie der Abtreibungs­frage und über Verhütungs­mittel geführt. Allerdings werden sie auch unter schwerem Beschuss genommen, wenn sie sich doch mal aus der Deckung wagen.

So hatte Papst Benedikt XVI. mit seiner Ansprache zum Jahresende 2008 Kritik bei Homo­sexuellen-Ver­bänden hervorgerufen. Die Aussagen des Papstes seien „völlig unverantwortlich“, erklärte die Vorsitzende der christlichen Schwulen- und Lesben­vereinigung in Großbritannien, Sharon Ferguson. Der Grünen-Abgeordnete Volker Beck sprach von „hetzerischen“ Worten des Papstes. Beide warfen dem Papst vor, mit derartigen Äußerungen zum „Hass gegen Homosexuelle“ und zu deren Verfolgung aufzustacheln.[2]

Das katholische Kirchen­oberhaupt setzte sich am Montag vor der Kurie mit der Gender-Theorie auseinander, nach der die Zuordnung von weiblichen und männlichen Rollen weitgehend gesell­schaft­lich bestimmt und nicht von der Natur vorgegeben ist. In seinen Anmerkungen sagte der Papst unter anderem, es reiche nicht aus, die Regen­wälder zu verteidigen. Die Kirche müsse auch den Menschen vor sich selbst schützen, wenn er sich zu zerstören versuche. Die Menschheit bestehe aus „Mann und Frau“, Geschlechter-Ideologien hätten da keinen Platz, betonte er. In seiner Ansprache übte der Papst außerdem Kritik an dem Begriff „Gender“. Die Kirche müsse dafür eintreten, dass die Ordnung der Schöpfung und die Natur des Menschen bewahrt werde. Dieser sei als Mann und Frau geschaffen.

Hinter dem Begriff „Gender“ stehe ein Versuch des Menschen, sich von der Schöpfung zu emanzipieren, sagte Benedikt XVI. Die Gender-Theorie stelle die „Natur des menschlichen Wesens als Mann und Frau“ in Frage. Die Ehe als lebenslange Verbindung von Mann und Frau nannte Benedikt XVI. ein „Sakrament der Schöpfung“. Vor diesem Hintergrund habe sein Vorgänger Papst Paul VI. in seiner vor 40 Jahren erlassenen Enzyklika „Humanae Vitae“[3] die Liebe gegen eine Sexualität des Konsums und die Natur des Menschen gegen seine Manipulation verteidigt.

Die offizielle Lehrmeinung hat die Katholische Kirche allerdings nie geändert. So liest man im Katholischen Katechismus zur Natur der Familie: Ein Mann und eine Frau, die miteinander verheiratet sind, bilden mit ihren Kindern eine Familie. Diese Gemeinschaft geht jeder Anerkennung durch die öffentliche Autorität voraus; sie ist ihr vorgegeben. Man muß sie als die normale Beziehungs­grund­lage betrachten.“

Und zur Familie und Gesellschaft: „Die Familie ist die Urzelle des gesell­schaft­lichen Lebens. Sie ist die natürliche Gemeinschaft, in der Mann und Frau zur Hingabe der Liebe und zur Weitergabe des Lebens berufen sind. Die Autorität, die Beständigkeit und das Gemeinschafts­leben innerhalb der Familie bilden die Grundlage von Freiheit, Sicherheit und Brüderlichkeit innerhalb der Gesellschaft. […] Das Familienleben ist eine Einübung in das gesell­schaft­liche Leben. […] Die Familie ist durch geeignete soziale Maßnahmen zu unterstützen und zu schützen. […] Gemäß dem Subsidiaritäts­prinzip sollen die größeren Gemeinschaften davon Abstand nehmen, sich die Rechte der Familie anzumaßen oder in ihr Leben einzugreifen.“ [4]

zurückJesuit Rupert Lay

Der Jesuit Rupert Lay schreibt 1990 über die Katholische Kirche in Deutschland:

Es ist in der BR Deutschland keinesfalls leicht, die offizielle katholische Lehre über gesell­schaft­liche und öko­nomische Abläufe zu vertreten. Man erntet nicht nur das Mißtrauen staatlicher, sondern auch kirchlicher Stellen. Ich selbst wurde einmal darauf hingewiesen, daß meine Ansicht zwar mit den päpst­lichen Lehr­aus­sagen voll übereinstimme, politisch jedoch höchst inopportun sei. Nun muß man wissen, daß auch die letzten Päpste keineswegs Freunde kapitalistischer Strukturen oder Anschauungen waren, die sie für radikal egoistisch und daher ebenso radikal unchristlich halten. Doch darüber schweigt zumeist nicht nur die offizielle Kirche in der BR Deutschland, sondern auch in ziemlicher Einmütigkeit die gesamte (oder nahezu die gesamte) Presse. Manche päpstlichen Lehr­äußerungen werden offensichtlich als deplaziert oder doch als peinlich empfunden. Zumindest kommen sie politisch oft ungelegen.

Nun [kann] die katholische Großkirche […] es sich durchaus leisten, Kritik zu üben […] In bestimmten, politisch eindeutig festgelegten Ländern […] ist das Wider-den-Stachel-Löcken schon sehr viel schwieriger und verlangt einigen Mut, der durchaus von nicht wenigen, etwa süd­amerika­nischen Bischöfen aufgebracht wird. Meines Wissens aber von keinem deutschen. Dabei haben unsere mittel­europäischen Kirchen eine positiv zu wertende, zugleich aber auch system­stabilisierende Funktion übernommen.[5]

Rupert Lay schreibt weiter über Heuchelei im kirchlichen Milieu:

Als ich verschiedentlich vor christlichen Unternehmern sprach, begegnete ich nicht selten solcher „Heuchelei“, deren Charakteristikum im religiösen Milieu es ist, daß sie kaum mehr erkannt wird oder erkennbar zu machen ist. Diese Herren waren durchaus der Auffassung, daß die bestehende ökonomische Gesellschaftsform der Bundesrepublik die optimale Darstellung christlicher Werte im Raum der Ökonomie sei, ja, daß der bundes­deutsche Kapitalismus gleichsam die Außen­seite eines legitimen Antriebs­potential für politische und ökonomische Fremd­täuschung (und damit einer vielleicht unbewußten Manipulation) bereitstellt, ist sie besonders fatal. Fatal aber auch, weil sie das Christentum auf recht unchristliche Verhaltens­muster festlegt und unglaubwürdig macht.

Die päpstlichen Lehrmeinungen über die Familie werden in der Gesellschaft nicht weniger peinlich empfunden wie die über die kapitalistische Wirtschaftsweise. Auch in Bezug auf Feminismus und Genderismus lassen sich kirchliche Kreise auf unchristliche Ver­haltens­muster festlegen und machen sich unglaubwürdig.[5]

Rupert Lay fährt fort:

Diese systemimmanente Täuschung läßt sich nur unter erheblichen edukatorischen Anstrengungen beseitigen. Papst Paul VI. meinte dazu: „Offenbar stehen dem Fortschritt, den wir uns selbst und für alle wünschen, schwere Hindernisse entgegen. Die heute noch vorwiegende Art der Erziehung begünstigt einen engstirnigen Individualismus. Ein Großteil der Menschen versinkt geradezu in maßloser Überschätzung des Besitzes. Schule und Massenmedien stehen nun einmal im Bann des etablierten Systems und können daher nur einen Menschen formen, wie dieses System ihn braucht, einen Menschen nach dessen Bild, keinen neuen Menschen, sondern nur eine Reproduktion des herkömmlichen Typs.“ (De justitia in mundo, 1971) […]

Die Manipulation über Ideologie ist die gefährlichste, weil sie oft weder vom Manipulierenden noch vom Manipulierten in ihrer Tragweite und Bedeutung erkannt wird.[5]

Das Gesagte lässt sich sicherlich auch auf Feminismus und Genderismus übertragen. Auch wenn die katholische Theologie frei von Feminismus und Genderismus geblieben ist, gibt der Zustand des Katholizismus wenig Anlass zur Hoffnung, weil sich die Christen in ein Ghetto zurückgezogen haben. Rupert Lay beschreibt die Entstehung eines „katholischen Milieus“ bzw. „religiösen Ghettos“ so:

Vor allem in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg entstand auch in der BR Deutschland eine Situation, die die Franzosen Jahrzehnte zuvor mit «Le milieu catholique» bezeichneten. Da eine vergleichbare Situation auch für andere christliche Großkirchen vorliegt, wollen wir stattdessen vom «kirchlichen Milieu» sprechen. Das «kirchliche Milieu» ist aber kaum etwas anderes als die Folge eines Exodus aus der Welt in ein inneres Getto. Wie aber kam es zu diesem Exodus? Einige Gründe seien genannt:

  • Es gelang den Christen insgesamt nicht, sich als Christen mit profanem, vor allem natur­wissen­schaft­lichem Denken (neuerdings ergänzt durch das der «anthro­pologischen Wissenschaften» wie Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Politologie) zu versöhnen.
  • Ebenso wenig konnte der Christ als Christ mit der technisierten «Kunstwelt» und ihrer Rationalität etwas anfangen.
  • Dafür wurde aber stärker der Wert der Liaison mit der staatlichen Gewalt geschätzt, der die Illusion einer Offenheit zur Welt verstärkte.
  • Die christliche Toleranz entwickelte sich in der falschen Richtung: Sie artikulierte sich – meist unaus­gesprochen – als passive Duldung anderer Glaubens­formen (einschließlich atheistischer) und nicht als aktive Toleranz dessen, der weiß, daß er allen Menschen etwas zu sagen hat. Sie entwickelte eine Toleranz der Schwäche (vor allem der des eigenen Identitätsbewußtseins) und nicht die einer Stärke, die aus dem Anspruch der Liebe hervorgeht und aktiv ist wie die Liebe selbst.

Der Grad der Unversöhntheit ist allenthalben unter Christen nicht unerheblich. Diese Unversöhntheit kann sich sehr verschieden darstellen:

  • als Flucht in die Ungleichzeitigkeit (d. h. im Leben in der Vergangenheit),
  • als bedrohende Instanz, die das Glauben erschwert, wenn nicht gar in Frage stellt, und die man deshalb besser so weit als möglich ignoriert,
  • als Abkapselung in eine eigene Denkwelt, in ein geistiges Getto.

Alle drei Versuche, mit der Unversöhntheit fertig zu werden und sich von bedrängenden Gedanken zu befreien, enden im kirchlichen Milieu. Hier läßt es sich noch recht unangefochten glauben. Hier wird Autorität nicht funktionalisiert. Hier ist billige Anerkennung möglich. Hier gibt die Hierarchie noch den Ton an. Hier ist das Regieren vergleichsweise leicht und muß sich nicht ständig nach seiner Legitimation befragen lassen. Das Leben im geistigen Getto ist halt bequem und wenig angefochten. Und es hat eine lange bewährte Tradition mit sich.

Im Jahre 1231 verbot Papst Gregor IX. die Beschäftigung mit den natur­wissen­schaft­lichen Schriften des Aristoteles. Mit diesen Schriften drohte das natur­wissen­schaft­liche Denken wenige Jahre zuvor – durch die Araber überliefert – in das christliche Abendland einzubrechen. Aber dieses Verbot war völlig sinnlos, denn im gleichen Jahr begannen alle Philosophie­professoren, die etwas auf sich hielten, öffentliche Vorlesungen über diese verbotenen Schriften zu halten. 1263 wiederholte Papst Urban IV. das Verbot. Aber es war lange zu spät. Die Lebenswelt der akademischen Christen war gespalten: natur­wissen­schaft­liche Denkstimmung stand gegen theologische. Vielleicht konnte man einige Jahrhunderte lang zweifeln, welche sich durchsetzen würde. Am 8. August 1269 wurde die erste rein natur­wissen­schaft­liche Schrift des christlichen Abendlandes fertiggestellt. Petrus Perigrinus vollendete seine Abhandlung «Über den Magneten».

Das naturwissen­schaftliche Denken wurde also im Ungehorsam gegen kirchliche Autorität gezeugt. Und dieser Geruch der Illegitimität haftet ihm im kirchlichen Raum bis ins Heute an. Man sollte das Jahr 1231 in den Geschichts­büchern wohl ebenso fett drucken wie etwa die Jahre 1492 oder 1789, denn 1231 geschah etwas Ungeheuerliches: es wurde ein Denken gezeugt, das sich von der Bevormundung durch die Theologie und die Kirche emanzipierte.

Seitdem befindet sich zumindest die Theologie in Abwehr­haltung und in ständigen Rück­zugs­gefechten gegen die Ansprüche dieses Denkens.

Als im 17. Jahrhundert der Fall Galilei die Gemüter bewegte (Galilei war 1633 der Ketzerei beschuldigt worden, weil er helio­zentrische Thesen vertrat), war das ein letzter «Sieg» theologischen Denkens über das natur­wissen­schaft­liche. Zugleich aber signalisierte das Urteil die beginnende Diffusion des natur­wissen­schaft­lichen Denkens und der damit verbundenen veränderten Stimmung gegenüber Welt und Menschen aus dem akademischen Bereich hinaus in die Welt des allgemeinen Bewußtseins. Immerhin ist es erstaunlich, daß dieser Diffusions­prozeß 400 Jahre benötigte, während uns vom «Fall Galilei» gut 340 Jahre trennen.

Doch spätestens seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sind Symptome aufweisbar, die für eine Art kollektiven Minder­gefühls der Theologen gegenüber den Natur­wissen­schaftlern sprechen. Es kam zu Kompensationen und Über­kompen­sationen einerseits, zu depressiven Phasen andererseits. […] Als dann Louis Pasteur nach 1854 die Urzeugungs­lehre als unzutreffend aufwies, stürzten sich recht unkritisch viele Theologen auf diese Theorie, behaupteten sie als Tatsache und stilisierten sie so weit hoch, daß sie fast mit dogmatischem Eifer vertreten wurde. Erst als die moderne Biologie darauf verwies, daß stets, wenn bestimmte chemische Bedingungen erfüllt sind, auch Lebens­funktionen gezeigt werden, und also die Urzeugungs­theorie, wenn auch in erheblich veränderter Gestalt, wieder allgemein vertreten wurde, ließ man diese Über­zeugung von der Unmöglichkeit der Urzeugung wie eine heiße Kartoffel fallen, an der man sich gerade noch verbrannt hatte. […]

Die Menge der Minder­gefühle wurde seit dem Aufkommen der modernen Anthropologie eher noch vermehrt. Das begann mit Charles Darwin und seiner Lehre von der Abstammung des Menschen, wurde weitergeführt über die Freudschen Theorien über die mächtige Herrschaft unbewußter Motivationen und endete vorläufig in den neuen anthro­pologischen Einsichten über Sittlichkeit, Sexualität, Gesell­schaft­lich­keit … des Menschen. Manche Theologen sahen neben der Gott­gläubig­keit eine Wissen­schafts­gläubig­keit heranreifen, die den alten Glauben nicht nur bedrohen, sondern gar ernsthaft gefährden konnte. Damit hatten sie zweifelsfrei recht. Aber das war eigene Schuld. Denn die Theologie hatte es versäumt, sich auf das neue, andere Denken einzustellen. Während der 400jährigen Inkubationszeit zwischen 1231 und 1633 unternahm sie nichts Positives, um Menschen zu einem kohärenten Weltbild zu führen, in dem religiöse wie naturwissen­schaftliche Inhalte ihren Platz hätten haben können. Statt positiv aufzuarbeiten, kämpfte sie – und wich schließlich zurück.

Der Grund war ein radikales Mißverständnis der Natur von Wissenschaft überhaupt. Sie ist Ausdruck einer Lebenswelt und wirkt in ihren Erkenntnissen auf die konkreten Lebenswelten von Menschen zurück, doch ist sie nicht selbst Teil einer Lebenswelt. So kann ein Naturwissenschaftler, der im Raum seiner Wissenschaften empirischen Methoden huldigt, durchaus im Raum seiner Lebenswelt alles andere denn ein Empirist sein.

Die Folge war nicht nur der Versuch, Natur­wissen­schaften apologetisch zu verwenden. […] Auch andere Versuche wurden in manipulatorischer Absicht unternommen, Menschen vor dem Anspruch durch die Natur­wissen­schaften zu schützen, sie zu immunisieren etwa durch die (falsche) Theorie, die Natur­wissen­schaften seien auf dem Wege zu Gott. Alles das waren Versuche, die mit ihrem Scheitern den Rückzug in das kirchliche Milieu beschleunigten. In diesem Milieu konnte man sich halt seines Selbstwertes noch sicher sein – er wurde von niemandem drinnen bestritten. Das galt vor allem für die Amtsträger der Kirchen. Die Binnen­seel­sorge bringt sehr viel leichtere Erfolge und sicherere Anerkennung als das harte Brot der Außen­seel­sorge. Denn hier gilt nur der Mensch und nicht das Amt.

Die Vorbeuge­maßnahmen zur Immunisierung wie auch die Kompensation von Minder­gefühlen führen zu nicht unerheblichen manipulatorischen Taktiken, denen religiöse Menschen ausgesetzt werden. Das Milieu schützt sich mit durchaus zweifelhaften Methoden gegen alle Öffnungs­versuche. Hierher gehört sicher auch das Verhalten mancher Kirchen im publizistischen Bereich. Es kann bis zur Beseitigung mißliebiger Zeitschriften kommen. Neutrale Bericht­erstattung wird als tendenziell schon dann gerügt, wenn sie unangenehm ist. Das ist eine typische Gettoreaktion.

Der Mensch, der im Getto ganz unauffällig lebt, wirkt außerhalb des Gettos oft ausgesprochen neurotisch in seinen Reaktionen. Sie fällt im Raum kollektiver Neurosen nicht auf, verhält sich aber außerhalb der Schutzräume deutlich und bemerkenswert auffällig.

Ein zweiter Grund für den Rückzug ins Getto war sicher die fatale Herrschaft technischer Rationalität mit ihrem Zweck- und Nutzendenken. Anstatt hier mutig und sicher solchen verkehrten und anthro­pologisch keineswegs wünschens­werten Einseitigkeiten menschlicher Rationalität entgegen­zuwirken und Alternativen anzubieten, hat die Theologie – oft auch in der Mentalität naiver An­biederungs­versuche verstrickt – es versäumt, gegen diese Art des Denkens klar und deutlich Stellung zu beziehen. War hier etwa die Angst im Spiel, nicht mit der Zeit zu gehen und ihrem Geist, und also rückständig zu wirken? Vieles, was der Club of Rome an Ideen erarbeitete, hätte als Mahnung und Warnung den Theologen recht gut zu Gesicht gestanden.

Heute polemisiert man noch lieber gegen innere Abweichler und verteilt Ketzer­hüte, die niemandem mehr so recht passen wollen, und kümmert sich kaum oder nur unzulänglich um die Probleme, von deren Lösung der menschliche Fortbestand der Menschen abhängt. Die Menschheit scheint fast blind in einen ungeheuerlichen Abgrund zu taumeln. Hier wären die Religions­gemein­schaften anzurufen, den ihnen verbliebenen Rest an moralischem Ansehen und Gewicht einzusetzen, um menschliches Denken und Handeln wenigstens auf den Abgrund aufmerksam zu machen. Das aber bedeutete einen Auszug aus dem Getto, und den denunziert das Milieu gerne als häresie­verdächtig.

Unter solchen Häresie­verdacht geraten manche, die als Christen versuchen, in der nicht-christlichen Welt (d. h. außerhalb des Milieus) seelsorglich tätig zu werden. Man wird ihnen mangelnde Identifikation mit der konkreten Kirche und abweichendes Verhalten vorwerfen, ausdrücklich oder nicht ausdrücklich.

Es ist nicht leicht einzusehen, wie man die Unterlegenheit einer geistigen und an geistigen Werten orientierten Rationalität gegenüber einer technischen zweckorientierten belegen könnte. Aber das kirchliche Milieu fühlt sich offenbar unterlegen und ist es deshalb auch. Solches Unterlegenheits­wissen oder -bewußtsein ist aber wiederum Grund für Minder­gefühle. Um sie zu tarnen und sich ein zureichendes Maß an Fremd­anerkennung zu sichern, kann man sich wiederum auf das Milieu beschränken, oder aber versuchen, sie kompensatorisch abzureagieren. Beides läuft letztlich wieder auf eine Verhaltens­beein­flussung anderer hinaus – und zwar keineswegs zu deren Nutzen.

Kompensierte Minder­wertigkeits- oder Unter­legenheits­gefühle führen zumeist zu unangebrachten Macht- und Herrschafts­ansprüchen. Die Flucht in das Milieu verstärkt aber die Getto­mauern, was den Menschen, die im Getto leben, objektiv – wenn schon nicht subjektiv immer wahrgenommen – schadet. Sie leben im Getto in einer Welt voller Unwirklichkeit und bilden so falsche Parameter aus, an denen sie sich selbst zu erkennen versuchen. Der Mangel an Möglichkeit, sich selbst zu erkennen, ist in einer psychotisch verstellten, «verrückten» Welt allgemein bekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, daß der Versuch zur Selbst­verwirklichung in einer entwirklichten Welt entwirklichend auszugehen pflegt. Das Leben im Milieu ist also keineswegs ein Leben, das an der tatsächlichen historischen, kosmischen, gesell­schaft­lichen, religiösen Welt orientiert ist, sondern an einer selbstgebastelten, die meist hinter der bestehenden herhinkt, die allenfalls vor einiger Zeit noch ein relatives Lebensrecht besessen haben könnte. Die Selbst­ent­wirklichung vieler Christen des Milieus oder im Milieu ist für jeden Psycho­therapeuten erhebbar. Dabei ist es gar nicht so schwer, Christ zu sein; man muß nur versuchen, es außerhalb des Gettos zu sein, muß versuchen, den Auftrag des Christen in einer unchristlichen Welt zu leben.

Ein dritter Grund für den Rückzug ins Getto ist eine falsch verstandene Toleranz. Sie führt zwar nicht unmittelbar ins Getto zurück, doch unmittelbar aus dem missionarischen Anspruch des Wirkens im außerkirchlichen Bereich heraus und hinein in die rein kirchlich nach innen orientierte Aktivität. Gemeint ist die duldende, die passive Toleranz, die sich etwa so artikuliert: «Es ist doch gleichgültig, welchen Weg wir gehen, denn alle Wege führen zum Ziel!»[5]

Dieses passive Verhalten, ein nur hinhaltender Widerstand kann dazu führen, dass doch schleichend feministisches Gedankengut in den Kirchen Einzug findet und sich festsetzt. Doch damit nicht genug, das Ghetto ist auch bequem, dort ist die Welt für den Christen noch in Ordnung. Dort richtet er sich behaglich ein und verspürt immer weniger Drang, sich auch außerhalb seiner Ghetto­mauern zu behaupten. Dazu kommt eine Sprach­losigkeit, weil die Sprache sich im Ghetto verändert.

Sie entwickelt sich kaum mehr – wenn aber, dann ohne Abbild­barkeit auf die Sprache des Getto-Außen. So kam es dazu, daß die im Milieu gepflegte religiöse Sprache außerhalb des Milieus völlig unverständlich wirkt. Die Worte haben eigene Bedeutungen, die von Menschen außerhalb des Milieus nicht begriffen werden. Die ganze Sprache wirkt eigentümlich veraltet. Und selbst wenn ein Außen­stehender alle Worte verstünde, so würde er doch kaum begreifen, über was der Getto-Mensch denn eigentlich spricht und was er eigentlich will.

Eines der Zeichen der Entwirklichung im Getto ist es, daß die Menschen ihre Sprache für natürlich halten – dabei ist sie ein Jargon, ganz vergleichbar dem Politjargon oder dem «Soziologen­chinesisch» unserer Tage. Der Jargon hat erhebliche Vorteile. Er erlaubt zu sprechen, ohne dabei zu denken. Chiffren und leere Wortfolgen laufen ab mit Schein­bedeutung. Viele Menschen des Gettos können einfach nicht verstehen, daß man sie und ihre Sprache nicht versteht. Sie begreifen nicht, daß sie eine Fülle von Worten verwenden, die aus der dem Heute angemessenen Sprache längst verschwanden. Solche Worte aus der Fremde sind Worte wie «Gott», «Sünde», «Unsterblichkeit», «Erlösung», «Himmel und Hölle», «Ewigkeit», «Gnade» … Alle Versuche, sie in die Sprache unserer Welt zu übersetzen, sind bislang recht fragwürdig ausgegangen und betreffen zumeist nur das eine oder andere dieser Worte (so kann man in begrenztem Umfang anstelle von «Erlösung» – «Befreiung» einsetzen, anstelle von «Sünde» – «Fehlverhalten» … ). Die zurückgehende Fähigkeit zur sprachlichen Kommunikation mit dem Getto-Außen verfestigt zusätzlich die Stärke der Getto-Mauern. Religiöse Sprache ist nun leider zur Getto-Sprache geworden, die den Ausbruch aus dem Milieu zusätzlich erschwert.

Sprache ist nun aber immer Ausdruck des Denkens, und über die Grenzen seiner Sprache hinaus kann niemand denken. So entlarvt sich das kirchliche Milieu weitgehend als Folge des Gettos in Sprache und Denken, die sich beide aus der konkreten Weltwirklichkeit zurückgezogen haben. Die Emigration einer Sprache aus der konkreten Welt ist aber wohl immer ein Zeichen einer individuellen oder kollektiven Psychose.[5]



[1] Joachim Wiesner: Vom Rechtsstaat zum Faustrechts-Staat: Eine empirische Studie zur sozial­ethischen und ordnungs­politischen Bedeutung des Scheidungs-, Scheidungsfolgen- und Sorgerechts, Oder: Über die staatlich verursachte Paralyse von Rechtshandeln und Rechts­bewußt­sein in der Bundesrepublik Deutschland,, 1985
[2] Schwule entsetzt über den Papst: „Hetzerische Worte“, Süddeutsche am 23. Dezember 2008
[3] Enzyklika Papst Pauls VI. über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens „Humanae Vitae“ vom 25. Juli 1968; Von den deutschen Bischöfen approbierte Übersetzung
[4] „Katholischer Katechismus“: Die Familie im Plane Gottes, Nummern 2201 bis 2233
[5] Rupert Lay, „Manipulation durch die Sprache“, Ullstein 1990, ISBN 3-548-34631-6 a) S. 189 b) S. 32 c) S. 33 d) S. 271-276 e) S. 277-278