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Die Familie und ihre Zerstörer

Was schief läuft und was anders werden muss – Eine überfällige Debatte

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4.4.1. Der Zerfall der Gemeinschaft

Will man das Muster einer Gemeinschaft zerstören, macht man das Gegenteil dessen, was zu seiner Bildung beitrug. Diese Schluss­folgerung sollte einleuchten. Der belgische Finanzexperte Bernard A. Lietaer formuliert in seinem Buch „Das Geld der Zukunft“ die allgemeine Regel:

„Gemeinschaften zerfallen, wenn einseitige Geldgeschäfte den Gabentausch ersetzen.“ [1]


Der Zerfall der Gemeinschaft lässt sich überall in der modernen Welt beobachten. Oft ergeht man sich in hilflosen Klagen über den „moralischen Zerfall“, ohne wirklich die Ursachen benennen zu können. Auflösungs­erscheinungen wie alleinerziehende Mütter und steigende Scheidungsraten sind nicht auf Amerika begrenzt, sondern treten weltweit auf. In vielen Ländern hört man ähnliche Klagen: „Nichts ist mehr so, wie es früher einmal war. Früher gab es noch ein Gemein­schafts­gefühl.“ Auch Auswirkungen wie Vandalismus gegen öffentliches Eigentum und erhöhte Kriminalität vor allem bei Jugendlichen sind ähnlich. Je „entwickelter“ ein Land ist, desto weiter ist dieser Trend fortgeschritten. War beispielsweise im 19. Jahrhundert noch die Großfamilie in Europa und den USA die Norm, so hat sich die soziale Identität in den USA bereits von der Kernfamilie zur Teilfamilie verlagert, da 51 Prozent aller amerikanischen Kinder mittlerweise bei einem Elternteil aufwachsen. Wenn man nun aber verstehen will, wie das Gemein­schafts­gefühl verlorengeht, muss man zunächst wissen, wie eine Gemeinschaft entsteht.

Aus Nähe entsteht nicht zwangsläufig Gemeinschaft, sonst würde in einem Hochhaus mit 200 Wohnungen in der Stadt ein fester Zusammenhalt bestehen. Auch eine gemeinsame Sprache, Religion, Kultur oder Verwandtschaft erzeugt noch keine Gemein­schaft. Anthro­pologen fanden heraus, dass Gemein­schaften auf dem gegenseitigen Austausch von Geschenken basieren.[2]

Lietaer beschreibt die Entstehung von Gemein­schaft anhand eines Beispiels:

Angenommen, Sie bräuchten eine Schachtel Nägel und Ihr Nachbar säße auf der Terrasse, wenn Sie zum Auto gingen. Sie erzählen ihm, dass Sie eine Schachtel Nägel kaufen wollen, und er antwortet: „Oh, ich habe neulich erst sechs Schachteln gekauft. Nehmen Sie eine von mir, dann müssen Sie nicht zum Baumarkt fahren.“ Das Geld, das Sie ihm anbieten, lehnt er ab. Was ist passiert?
Von einem rein materiellen Standpunkt aus betrachtet, erhalten Sie in beiden Fällen eine Schachtel Nägel. Aber ein Anthro­pologe würde darauf hinweisen, dass im zweiten Fall noch etwas anderes geschehen ist.
Wenn Sie den Nachbarn wieder treffen, werden Sie ihn bestimmt grüßen. Und sollte er je an einem Samstagabend an Ihrer Tür klingeln, weil er vergessen hat, Butter zu kaufen, werden Sie Ihm höchst­wahr­scheinlich etwas von Ihrer Butter abgeben. Das Schenken der Schachtel Nägel war eine gemein­schafts­fördernde Transaktion. Der Kauf nicht.
Eine kommerzielle Transaktion ist ein geschlossenes System; Nägel gegen Geld. Ein Geschenk ist dagegen ein offenes System. Es hinterlässt ein Ungleich­gewicht, das durch eine mögliche Transaktion in der Zukunft ausgeglichen werden kann. Beim Schenken entsteht etwas, was durch den Austausch von Geld nicht zustande kommt. Ein neues Garn ist in den Stoff der Gemein­schaft gewoben worden.
Die Belege für das Verhältnis zwischen Geschenken und der Bildung von Gemein­schaften sind überwältigend. Sie sind auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten zu finden.

Moderne Gesellschaften zeichnen sich nun dadurch aus, dass sie die Geschenk­wirt­schaft weitgehend durch die Geld­wirt­schaft verdrängt haben. Damit wird auch der Gemein­schafts­sinn verdrängt. Wirtschafts­experten gilt die Geschenk­wirt­schaft schon allein deshalb nichts, weil sie sich nicht in Geld ausdrücken lässt und so nicht in das Brutto­inlands­produkt eingeht. Geschenk­wirt­schaft taucht somit in den Statistiken und politischen Agenden gar nicht auf. So kann ihr Vorhandensein gar nicht gewürdigt werden und ihr Verschwinden wird nicht einmal bemerkt. Ihr Nicht­vorhanden­sein hat aber dramatische Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Der erste nennenswerte Kontakt zu den nordamerikanischen Indianer­stämmen erfolgte zur Zeit der amerikanischen Revolution. Dann folgten die Pelzhändler, und die Hudson Bay Company errichtete ihre ersten Handelsposten in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts. Sie alle waren nur an Pelzen interessiert und ließen die Indianer unbehelligt. Schon Jahrzehnte vor dem Eintreffen der ersten Missionare, die die heidnischen Traditionen der Indianer ausmerzen wollten, zeigten einige Gemeinschaften durch den Kontakt mit den Händlern und ihren Geldgeschäften Auflösungs­erscheinungen. Stämme, die den Gabentausch durch Geldgeschäfte ersetzt hatten, lösten sich innerhalb einer Generation auf.
Dieser Vorgang wiederholt sich auf der ganzen Welt immer wieder, wenn traditionelle Gesellschaften Handels­beziehungen zur westlichen Welt aufnehmen. Sobald innerhalb dieser traditionellen Gesell­schaften Geld als Tauschmittel verwendet wird, beginnt sich die Gemeinschaft aufzulösen.

Als Bernard A. Lietaer in den 1970er Jahren die peruanische Regierung bei der Optimierung von Währungs­geschäften beriet, konnte er das selbst im Amazonas­gebiet beobachten, als die peruanische Landes­währung bei einigen Stämmen in Umlauf kam. Es ist also der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass zwischen dem Verfall des Gemein­schafts­gefühls und dem Zerfalls­erscheinungen in der Gesellschaft einerseits und der Ausbreitung der Geldwirtschaft und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche ein Zusammenhang besteht.

Es mag noch andere Faktoren geben, doch ein Schlüsselfaktor passt zu allen Zerfalls­erscheinungen. Innerhalb dieser Gesell­schafts­systeme sind Tausch­vorgänge mit Geld im Gange, die nicht auf Gegenseitigkeit beruhen. Laut mehreren Wirtschafts­theorien ist die Monetarisierung aller Transaktionen das Hauptmerkmal für „Entwicklung“, denn ab dann werden sie von der nationalen Statistik erfasst. Das würde natürlich auch erklären, warum der Zerfall der Gemeinschaft am stärksten in den „entwickelten“ Ländern ausgeprägt ist.

„In einer Gesellschaft, in der man seinen Sohn fürs Rasenmähen bezahlen muss, ist der Zerfall der Kernfamilie in vollem Gange. Und wenn Sie Opa im Altenheim unterbringen, bedeutet das nicht nur den Verlust der Großfamilie, sondern auch, dass Sie für die Betreuung dort bezahlen müssen.“ [1]

Von dieser Perspektive ist auch zu verstehen, was von der Forderung zu halten ist, häusliche Arbeit zu monetarisieren. Es gehört zum feministischen Standard­repertoire zu behaupten, dass die fehlende geldwerte Entlohnung der Hausarbeit eine Gering­schätzung der Frauen darstelle. Tatsächlich bildet die monetäre Bewertung der Arbeit innerhalb der Familien­gemein­schaft den Keim zu ihrer Auflösung. Aus dem Gesagten wird deutlich, aus welchem Gedanken heraus Feministinnen behaupten, die Hausarbeit der Frauen werde nicht wahrgenommen, wenn sie nicht bezahlt wird. Es geht darum, auch in der Familie die Geschenk­wirt­schaft durch Geld­wirt­schaft zu ersetzen. Die Absicht dahinter ist, die Gemeinschaft in der Familie zu zerstören. Das ist nicht überraschend, weil Feministen Ehe und Familie als patriarchale Unter­drückungs­instrumente verstehen, die Frauen unter den Männern versklaven sollen. Es wird dabei geflissentlich übersehen, dass der berufstätige Mann sein Einkommen auch der Familie schenkt. Das, was die Hausfrau tut, ist eigentlich als Gegengeschenk aufzufassen. Beim Schreiben dieser Zeilen kann man schon den unvermeidlichen Aufschrei hören, weil hier die traditionelle Rollen­verteilung beschrieben wird. Dabei ändert das Gegenbeispiel mit einer berufstätigen Frau mit Hausmann nichts an dem Gesagten. Inzwischen ist es ja so schlimm, dass man fast nicht mehr sagen darf, dass eine Frau ihrem Ehegatten ein „Kind schenkt“.

Es geht also um viel mehr als nur um das Rasenmähen. Im Abschnitt Unter­halts­maximierungs­prinzip wird deutlich, wie viele Ehen ihre Bedeutung in der „nach­ehelichen Solidarität“ materialisieren, die in der Höhe der Bar­unter­halts­pflicht gemessen wird. Kinder sind in einer ökonomischen Sichtweise eben kein Geschenk mehr, sondern ein Investitionsobjekt, das im Besitz der Mutter seine „Rendite“ abzuwerfen hat. Gemein­schafts­elemente wie die Vater-Kind-Beziehung werden nicht mit Geld bewertet und bleiben deshalb auch unberücksichtigt.



[1] Bernard A. Lietaer: Das Geld der Zukunft. Über die zerstörerische Wirkung unseres Geldsystems und Alternativen hierzu., Riemann 1999, ISBN 3-570-50035-7, a) S. 307, b) S. 299-310
[2] Beispielsweise: Marcel Mauss und Henning Ritter: Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Suhrkamp Verlag 1990, ISBN 3-518-28343-X