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Die Familie und ihre Zerstörer

Was schief läuft und was anders werden muss – Eine überfällige Debatte

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4.8. Die Demographie

Es ist bekannt, dass die Geburtenraten in Europa seit Jahrzehnten unter dem Generationen­ersatz liegen. Welchen Folgen das hat, wird in einem Artikel über Ostasien deutlich, wo die Geburten­raten noch drastischer als in Europa gefallen sind.

Siehe auch: Die Bevölkerungspolitik in Deutschland

Kapital oder Kinder? Exemplarisch für diesen Grund­wider­spruch moderner Gesellschaften sind die ostasiatischen Handels- und Finanz­zentren Hong Kong und Macao: Mit nur rund einem Kind pro Frau weisen sie die niedrigsten Geburtenraten weltweit auf. Sie gehören gemeinsam mit den „Tigerstaaten“ Taiwan, Südkorea und Singapur zu einer Gruppe von Gesellschaften „ultra-niedriger-Fertilität“, die noch deutlich kinderärmer sind als Deutschland und andere rasch alternde Länder Europas. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts waren diese Länder wirtschaftlich rückständig und kinderreich: In den 1950er Jahren lagen die Geburtenraten bei fünf bis sechs Kindern pro Frau; Kinder zählten damals noch als Arbeits­kräfte in der Landwirtschaft und Alters­vorsorge.[1] Mit der Industrialisierung gingen die Kinderzahlen in Ostasien aber rasch zurück, in Japan sanken sie erstmalig 1956, in Singapur und Macao um 1975 und in Hong Kong, Korea und Taiwan in den 1980er Jahren unter den Generationen­ersatz von zwei Kindern pro Frau.[2] Die neuen Industrie­länder Ostasiens erlebten so in wenigen Jahrzehnten einen noch stärkeren Geburten­rückgang als die westlichen Industrie­länder seit dem 19. Jahrhundert.

In Westeuropa und Nordamerika sanken die Geburten­raten in zwei zeitversetzten Phasen von vorindustriell hohen Geburten­ziffern auf das heutige niedrige Niveau. In der ersten Phase des Geburten­rückgangs zwischen 1880 und 1920 sank zugleich die Kinder­sterblichkeit, trotz rückläufiger Fertilität nahmen deshalb die Bevölkerungs­zahlen weiter zu. In der zweiten Phase des Geburten­rückgangs ab 1970 sanken die Geburten­raten unter den Generationen­ersatz; seitdem nehmen die Bevölkerungs­anteile jüngerer Menschen ab – die Gesellschaften überaltern.[3] Zwischen diesen beiden Phasen des sog. „demographischen Übergangs“ erlebten die westlichen Industrie­gesell­schaften ein halbes Jahrhundert demographischer Stabilität mit einem Geburten­niveau in der Nähe des Generationen­ersatzes. In dieser Zeit profitierte die Wirtschaft von einem großen Angebot junger Arbeitskräfte, gleichzeitig blieb der Anteil der zu versorgenden Älteren (noch) gering.[4] Diese historisch einmalig günstige Konstellation ermöglichte nach dem Zweiten Weltkrieg ein beispielloses Wohlstands­wachstum. In diesem „goldenen Zeitalter“ bauten die Regierungen Wohlfahrts­systeme auf, die bis heute (gerade in Deutschland) eine relativ gute Gesundheits- und Alters­vorsorge sichern. Aber als Folge der Bevölkerungs­alterung steigen nun die Versorgungs­lasten und diese zwingen die Regierungen, Rentenbezüge zu kürzen und Gesundheits­leistungen zu rationieren.[5]

Trotz der schmerzhaften Einschnitte ist der „Westen“ im Vergleich zu Ostasien noch in einer privilegierten Lage: In den „Tiger­staaten“ fielen die Geburten­ziffern abrupt und übergangslos unter den Generationen­ersatz – eine demographisch „stabile Moderne“ haben diese Länder nie erlebt.[6] Als Folge des zeitlich komprimierten Geburten­rückgangs verschieben sich die Gewichte zwischen den Generationen noch dramatischer als im Westen: Für den Alters­unterhalt der „Baby-Boomer“ der 1950er und 1960er Jahre müssen schon bald schwach besetzte Jugend­jahr­gänge aufkommen. Ihre Express-Modernisierung ließ den jungen Industrie­staaten aber kaum Zeit, eine öffentliche soziale Infrastruktur (Pflegedienste etc.) aufzubauen, so dass die Versorgung für Ältere eine Aufgabe der Familie blieb. Mit den gesunkenen Kinder­zahlen schwinden aber die Für­sorge­kapazitäten der Familie; ein Problem, das der Wandel der Familien- und Geschlechter­rollen noch verschärft: Auch in Ostasien sind junge Frauen nicht mehr so selbst­ver­ständ­lich wie früher bereit, ihre Schwieger­eltern zu versorgen. Um die Pflege der Älteren zu sichern, arbeiten schon heute in Hong Kong, Singapur, Taiwan und Korea zahlreiche Pflegekräfte aus ärmeren asiatischen Ländern.[7] Schon heute ist dieser Fürsorge­import kostspielig, mit der wachsenden Nachfrage dürften diese Kosten weiter steigen und ärmere Familien überfordern. Die Fürsorge­leistungen für Ältere könnten sich zu einem Privileg Wohlhabender entwickeln und so die Kluft zwischen Arm und Reich vertiefen. Geburten­rückgang, Alterung, soziale Spaltung – wie im Brennglas zeigen sich in Ostasien die Probleme moderner Gesellschaften, die eigenen Nachwuchs durch Kapital ersetzen wollen.[8]



[1] Siehe hierzu: „Ostasien: Hypermodernisierung vs. Fertilität“ (Abbildung unten)
[2] Emiko Ochiai: Unsustainable Societies: The failure of Familialism in East Asia’s compressed modernity, S. 219-245, in: Historical Social Research, Vol. 36, No. 2-2011, S. 220
[3] Siehe hierzu: „Verantwortete Elternschaft und Egoismus – die Hauptursachen vom ersten und zweiten ‚Demographischen Übergang‘“, iDAF: Nachricht der Wochen 13-14/2010
[4] Scharfsichtigen Zeitdiagnostikern war diese besondere Situation schon damals bewusst. So wies z. B. der Psychologie Peter. R. Hofstätter darauf hin, dass vom Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts die „Last des Unterhalts der Kinder und der Alten“ für die erwerbsfähige Bevölkerung „kontinuierlich leichter geworden“ sei. Eine „weitere Verbesserung diese Situation sei aber ‚kaum zu erwarten‘, vielmehr ‚könnte sich sogar eine rückläufige Bewegung einstellen, ein Absinken des Prozentsatzes der Ernährer nämlich‘“. Siehe: P. R. Hofstätter: Einführung in die Sozialpsychologie, Stuttgart 1966
[5] Zur Diskussion um die Folgen der demographischen Alterung:
„Rückblende: Als die CDU sich noch Sorgen machte um die Zukunft“, iDAF: Nachricht der Wochen 47/2009
[6] Vgl.: Emiko Ochiai: Unsustainable Societies, a. a. O., S. 222-223
[7] Vgl. ebenda, S. 233-234
[8] „Wenn die Familie ausfällt: Sozialprobleme in Ostasien“, iDAF: Nachricht der Wochen 42-43/2011



  • Peter Mersch: Bevölke­rungs­planung. Warum die Menschheit sie braucht.

    (Nimmt man eine Generationendauer von 30 Jahren an, dann folgt aus den getroffenen Annahmen, dass sich die Weltbevölkerung seit 2.000 Jahren durchschnittlich mit einer Fertilitätsrate von 2,22 vermehrt hat, also etwas mehr als bestandserhaltend. Möglicherweise sind Sie jetzt überrascht, denn 2,22 ist ja gar nicht so viel mehr als 2,1, und trotzdem ist der Effekt gewaltig.)
  • WikiMANNia: Demographie