Informationsstelle
für verheiratete
Männer und Frauen

Die Familie und ihre Zerstörer

Was schief läuft und was anders werden muss – Eine überfällige Debatte

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3.1.7.3. Jugendamt-Familienhilfe-Politik

Hilfssysteme und Jugendämter funktionieren nach dem Motto:

„Nur wer viel ausgibt, bekommt auch viel.“

Die Kosten für die Hilfen zur Erziehung als stabilisierende Maßnahmen der Jugendämter steigen in ganz Deutschland. Das Kostenvolumen von 7,2 Milliarden Euro wächst momentan mit einem Steigerungs­faktor von jährlich zehn Prozent. In zehn Jahren ergab das einen Kostenaufwand von fast sechzig Prozent.

„Die profitorientierte parasitäre Helferindustrie verdient sich an „Kindeswohl“ und „Familienhilfe“ (= Familien­zerstörung) eine goldene Nase.“

Seit dem Fall „Kevin“, als in Bremen ein zweijähriger Junge bei seinen drogen­abhängigen Eltern ums Leben gekommen war, werden Jugendämter in Angst gehalten, etwas falsch zu machen. Das begünstigt die Bewilligung von Hilfen nach dem Motto „Viel hilft viel“. Das Geld wird nach folgendem Muster ausgegeben: Welchen Paragraphen des Kinder- und Jugend­hilfe­gesetzes haben wir in dieser Familie noch nicht angewendet? Oder auch: Wenn die letzten zwei Therapien schon fehlgeschlagen sind, versuchen wir es eben ein drittes Mal.

Etwas ganz merkwürdiges passiert in der Klärungs­phase eines Falls. Die Ermittlung, was überhaupt los ist und was getan werden sollte, übernimmt nicht das Jugendamt, sondern ein freier Träger. Das läuft im Prinzip so ab, dass derjenigen, der hinterher die Maßnahmen durchführt und das Geld dafür erhält, empfiehlt, was geschehen soll. Er bekommt zwar nicht den konkreten Fall, den er bewertet, den erhält immer ein anderer. Aber beim nächsten Fall geht es andersherum und so verschafft sich die Helfer­industrie ihre Aufträge. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Träger sich das Geld selbst bewilligen. Es ist ein sich selbst erfüllendes System, ein Perpetuum Mobile der Staatsknete.

Formal geht das natürlich nicht, denn es gibt ja noch die Helfer­konferenzen und den Hilfeplan. Aber da steht kaum jemand auf und stellt sich dagegen. Er müsste mit der vorwurfsvollen Antwort rechnen „Waren Sie in der Familie oder ich?“ und so schweigt man lieber. Und überhaupt geht es ja nicht das eigene Geld, sondern um öffentliche Gelder und außerdem will die HelferInnen­industrie ja beschäftigt sein. Das Jugendamt bedient sich dieser Industrie, weil ein Sozialarbeiter sonst nicht mit 70 bis 90 Fällen klarkommt. Bei dem Jugend­amt­mit­arbeiter von Kevin in Bremen sind mehrfach Hinweise von Ärzten und Kranken­häusern eingegangen, die er sauber abgeheftet hat. So kommen tragische Fälle zustande. Aus Angst vor der Öffentlichkeit wird nun alles bewilligt, was die Dienstleister empfehlen. Das eine gerade bewilligte Maßnahme vielleicht 25 000 bis 50 000 Euro kostet, hat dabei keine Priorität.

Die Steuerung entgleitet der staatlichen Bürokratie, weil direkt oder indirekt die Entscheidungen in die Hände derjenigen geraten, die selbst Nutznießer der entschiedenen Maßnahmen sind. Und in dem Maße, in dem die Jugendämter wesentliche Bereiche der inhaltlichen Arbeit den freien Trägern überlassen, werden sie zu Hilfs­knechten für das Ausfüllen der Über­weisungs­träger degradiert.

Arbeit für Sozial­arbeiter lässt sich beinahe grenzenlos generieren:

„Der Familien­helfer schaut sich um, sieht, was los ist, gibt Tipps und Ratschläge oder macht auch vor. Er redet mit der Familie darüber, wo die Defizite sind und was nicht gut läuft. Das fällt aber nur dort auf fruchtbaren Boden, wo die Menschen von sich aus bereit sind, ihr Leben zu verändern, es mit einem neuen Ansatz in die eigenen Hände zu nehmen. Der Familienhelfer ist kein Therapeut. Er kann weder Sucht­problematik noch Gewalt­bereit­schaft behandeln. Insgesamt zeichnen sich Familien in prekären Lebenslagen oft durch Lebens­un­tüchtigkeit aus, die dann in Überforderung und Verweigerung mündet. Urplötzlich ist in Form des Familien­helfers ein Universalgenie da, der alles weiß und alles kann. Es ist eine natürliche Reaktion, ihm alles umzuhängen, was an Problemen so herumliegt. Man gewöhnt sich ganz schnell an diesen Helfer und Kümmerer. In der Helfer­konferenz ist die Botschaft dann ganz klar: Ohne meinen Sozialarbeiter geht gar nichts mehr. Ohne den kann ich nicht leben. Es entsteht auch eine Erwartungs­haltung. Da ist jemand, der dafür bezahlt wird, dass er mir hilft und die Dinge des Lebens erledigt. Da kann ich ihm schon mal Beine machen.“

Pro forma wird fachlich festgelegt, dass diese Hilfe­maßnahmen Defizite abbauen und die Menschen befähigen sollen, wieder zu einem selbstbestimmten Leben zu finden. Es sollte nicht die Aufgabe des Amtes sein, mit öffentlichen Mitteln eine Hilfe zu finanzieren, die bei Inaktivität durch Suchtverhalten die Wohnung aufräumt, einkaufen geht und den Kühlschrank auffüllt. Es kann auch nicht Aufgabe des Familien­helfers sein, morgens den Weckdienst zu spielen und das Kind zur Schule zu bringen, während die Eltern noch schlafen. Doch in der Praxis kann sich ein symbiotisches Verhältnis entwickeln, bei dem es für den Betreuten bequem ist einen Kümmerer zu haben und für den Betreuer und seinen Träger ist es vorteilhaft einen Kunden zu haben.

Ein freier Träger legt natürlich ein Haupt­augen­merk darauf, dass er möglichst viele Maßnahmen zur Durchführung erhält und möglichst viel Geld fließt. Man will schließlich verdienen und es hängen ja auch viele Arbeitsplätze dran.

Bei der Kontrolle, ob die bewilligten Maßnahmen auch das beabsichtigte Ziel erfüllen, glaubt das Jugendamt der Dokumentation des Trägers. Da arbeiten schließlich Profis, es gibt ein Vertrauens­verhältnis. Das Eigeninteresse des Trägers und seiner Mitarbeiter nach Ausbau und Unendlichkeit der Maßnahmen aufgrund ihrer wirtschaftlichen Zwänge gerät dabei aus dem Blick. Der Impuls bei Jugend­amts­mit­arbeitern, „Hauptsache, die Sache ist vom Tisch, der Träger wird’s schon richten“ wird für öffentliche Haushalte teuer.[1]

„Die so genannte ‚Familienhilfe‘ verschlingt Milliarden und die Träger bewilligen sich das Geld selbst.“

Die Hilfsindustrie setzt in Deutschland inzwischen 115 Milliarden Euro um, 80 Milliarden davon zahlt der Steuerzahler. Der Staat hat einen gesetzlichen Anspruch auf „Hilfen zur Erziehung“ geschaffen. Auf dessen Erfüllung stürzt sich ein boomender Markt mit mehr finanziellen als fachlichen Motiven.[2] Weder die Verschwendung von Steuergeldern noch das planlose Herumfuhrwerken im privaten Umfeld der Familien sollte hingenommen werden.

Lokalpolitik und private Träger der Familienhilfe

Die Geschäfts­führerinnen beziehungsweise Mitarbeiter der Träger „engagieren“ sich über den Umweg einer Partei­mitglied­schaft im Jugend­hilfe­aus­schuss der Kommune und entscheiden dort über die Größe und Inhalt des ganzen „Topfes“ in Bezug auf den Haushaltsplan. Das ist wie wenn der Gammel­fleisch­händler die Güte­kriterien für Hackfleisch definiert oder die Zigaretten­industrie den Nicht­raucher­schutz gestaltet.[3]

Wer seinen Zahnarzt fragt, ob wohl eine Zahnreinigung fällig ist oder seinen Automechaniker, ob der Wagen eine Inspektion braucht, wird wohl kaum eine verneinende Antwort bekommen. Warum auch, wenn ein potentieller Kunde mit einem Auftrag winkt? Ebenso werden Anbieter der Jugend- oder Familienhilfe dazu tendieren, immer weitere oder neue Hilfen zu verordnen. Ihre Situation unterscheidet sich von den ersten beiden Beispielen aber entscheidend: Familien­hilfen bezahlt der Staat. Dazu hat die Familienpolitik der letzten Jahrzehnte dafür gesorgt, dass die Menschen einen Rechtsanspruch darauf haben. Die Politiker verweisen gerne darauf, dass sie „für die Familie“ etwas tun und wieviel Geld sie dafür bereitstellen.

Auch in Hamburg spricht man inzwischen von einem „nicht zu tolerierenden Selbst­bedienungs­laden“ nachdem die Kosten für die „Hilfen zur Erziehung“ seit 2001 um gut 100 Millionen Euro gestiegen sind. Markus Schreiber, Bezirksamtsleiter Mitte, äußert den Verdacht, dass die Träger möglicherweise nicht immer fachliche Gesichtspunkte in den Vordergrund zu stellen.[4] Es geht hierbei allerdings nicht nur um verantwortungsloses Ausgeben von öffentlichen Geldern und Filz zwischen privaten Trägern und öffentlichen Ämtern. Es handelt sich hier auch um eine selbst­erfüllende Prophezeiung, weil die Politik schon sehr lange die traditionelle Familie als potentiell gefährlichen Ort für Frauen und Kindern darstellt und wonach der Staat, beziehungsweise die von ihm kontrollierten und finanzierten Helfer­organisationen, die „bessere“ Familie wäre. Die von der Politik gepamperte „Allein­erziehende“ ist dabei nur ein Zielobjekt der Familienhelfer. Wann eine Familie als „normal“ gilt und wann staatliche Stellen einzugreifen haben, ist angesichts von Migranten und Kopftuch­mädchen auch eine politische Frage. Deshalb greift es auch zu kurz, das Problem der ausufernden Kosten allein den Hilfe-Anbietern anzulasten. Es gehört immer zuerst eine überforderte, hilfs­bedürftige Familie dazu, oder das, was man dafür hält. Zweitens gehört immer auch eine Behörde dazu, die eine Hilfs­maß­nahme prüft und bewilligt oder eben zulässt, dass sie ohne Prüfung aufgenommen wird. Das kann an gewachsenen Filz liegen, der in lang­jähriger vertrauens­voller Zusammen­arbeit entsteht, aber auch schlicht am fehlenden Personal, wenn bei Personalabbau an falscher Stelle gespart wird. Denn dann kann Personal­mangel dazu führen, dass notwendige Kontrollen ausfallen und in der Folge die Kosten für Familien­hilfen weiter steigen.[5]

Es versteht sich von selbst, dass Lobbyisten der Wohlfahrts­verbände immer neue Über­forderungen und Defizite feststellen und Familien systematisch schlechtreden, weil dadurch auf die Politik der nötige Druck aufgebaut wird, für die Intervention in Familien noch mehr öffentliche Gelder bereit zustellen. Die Familien geraten dadurch weiter unter Druck und für die HelferInnen­industrie werden die Verdienst­möglich­keiten erweitert.

So entsteht die perverse Wirkung, dass öffentliche Gelder mit dem Ziel bereitgestellt werden, Familien zu helfen und das Gegenteil bewirkt wird. Und je mehr Hilfe bereitgestellt wird, desto schlimmer wird es. Die Spirale staatlich finanzierter Familien­zerstörung dreht sich immer schneller und es lässt sich trefflich über die Henne-und-Ei-Frage streiten: Was war zuerst da? Die zerrütteten Familien oder die verfehlte staatliche Familienhilfe?

Lokalpolitik und Vertuschungsstrategien

Es kommt selten vor, dass an die Oberfläche kommt, was im Verborgenen abläuft. Der Bericht der Gießener Allgemeine Zeitung (GAZ) vom 19. April 2008 über nachgewiesene „62 gewalt­tätige und sexuelle Übergriffe auf vier Kinder“ einer Gießener Familie, in der Zeit, da sie vom Gießener Jugendamt betreut wurde, löste so einen seltenen Fall aus. Die Reaktion der Bürgermeisterin auf das Versagen der Behörde bestand darin, dem Amt mehr Stellen zu bewilligen – was manche als eine „stille“ Beförderung für dessen konformen Leiter ansahen. Mehrfache Vorwürfe von Betroffenen, welche die Qualifikation der Gießener Jugend­amts­mit­arbeiter infrage stellten, motivierte einen Stadt­verordneter, für die Sitzung des Gießener Stadtparlaments im Mai 2008 eine Anfrage zu den im Amt vertretenen Berufs­aus­bildungen einzufordern. Daraufhin wurde er vom Magistrat, als Empfänger der Anfrage, „angeraten“ die Anfrage zurückzuziehen, sonst würde man ihn (warum auch immer) des Mandats­missbrauchs bezichtigen. Er verbat sich dies als Nötigung eines Verfassungs­organs und schließlich wurde dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit geklärt, dass im Gießener Jugendamt keine Psychologen, Juristen, Psychiater beschäftigt sind, sondern ausschließlich Sozial­arbeiter und Sozial­pädagogen.

Die Fraktion des Klägers reichte daraufhin den Antrag ein, bei den anstehenden Neu­eins­tellungen wenigstens einen Psychologen und einen Arzt hinzuzunehmen, was der Stadt­verordnete vor dem Stadt­parlament begründete. Die Reaktion war ein Aufschrei (Jugend­amts­mit­arbeiter seien doch gewissenhaft!), die beantragende Fraktion sah sich mehrheitlich veranlasst, den Antrag zurückzuziehen. Zwei Tage später bezeichnete der Reporter der GAZ die Rede des Stadt­verordneten als „wirr“ und machte die Drohung des Magistrats wahr, dem Kläger Mandats­missbrauch vorzuwerfen (ohne dies zu konkretisieren). Auf die Aufforderung des Stadtverordneten, entweder das „wirre“ Manuskript (bzw. konkrete Kritikpunkte) zu veröffentlichen, oder sich zu entschuldigen, folgte erst eine schriftliche Weigerung und später eine „humoristische Aufbereitung“ des „peinlichen“ Vorfalls. (alles Dezember 2008) Der Stadtverordnete verklagte daraufhin die Zeitung.

Wäre dieser Stadtverordnete nicht hart geblieben, hätte sich an den Missständen im Gießener Jugendamt nichts geändert, die er in seiner Rede vor dem Stadt­parlament benannte.[6] An dieser Stelle interessiert der Aufwand, mit dem Politiker, Bürgermeisterin und Jugendamt in Zusammenarbeit mit der Presse zu verhindern suchten, dass Familien­zerstörung durch Inkompetenz öffentlich bekannt wird.



[1] Der Bürgermeister Neuköllns erklärt in einem Interview den Filz zwischen HelferInnen­industrie und Jugendämtern: Heinz Buschkowsky: „Die Träger bewilligen sich das Geld selbst“, Potsdamer Neueste Nachrichten am 22. August 2011;
Heinz Buschkowsky: „Die Träger bewilligen sich das Geld selbst“, Der Tagesspiegel am 22. August 2011
[2] Erfahrungsbericht Familienhilfe: Hilflose Helfer – Wenn Politik den Missstand verwaltet, Der Tagesspiegel am 22. August 2011
[3] TrennungsFAQ-Forum: Kindeswohl-Industrie: Lizenz zum Gelddrucken, Sorglos am 25. August 2011
[4] Steigende Kosten: SPD erhöht Druck im Streit um Familienhilfe, Hamburger Abendblatt am 13. August 2011
[5] Kommentar: Selbstbedienung bei Familienhilfe, Hamburger Abendblatt am 13. August 2011
[6] Verhöhnung von Kinderrechten? Verleumdung von Dissidenten? Oder Pressefreiheit?, Gießener Zeitung am 21. Februar 2012 (Mit Veröffentlichung der Rede vor der Gießener Stadt­ver­ordneten­versammlung am 18. Dezember 2008)